Rudolf Kuppenheim

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Rudolf Kuppenheim (* 7. November 1865 in Pforzheim; † 23. Oktober 1940 in Pforzheim) und seine Frau Lily Kuppenheim, waren Opfer des mörderischen Antisemitismus der nationalsozialistischen Diktatur in Pforzheim.

Inhaltsverzeichnis

Leben und Wirken

Ausbildung und Beruf

Medizinalrat Dr. Rudolf Kuppenheim, im Kreis von acht Geschwistern aufgewachsen, besuchte ab 1875 das Großherzogliche Pädagogium und Realgymnasium in Pforzheim, studierte in Heidelberg Medizin und wurde 1893 Chefarzt der gynäkologischen Abteilung des evangelischen Diakonissenkrankenhauses Siloah. Mit seiner Frau Lily Ehmann, wohnte er am Marktplatz 1, wo er auch seine Praxis als erster in Pforzheim niedergelassener Frauenarzt hatte. Mitte der zwanziger Jahre wurden Praxis und Wohnung in die Luisenstraße verlegt.

Familie Kuppenheim im Weltkrieg

1914 war er nicht der einzige Mann jüdischer Herkunft oder jüdischen Glaubens, der – wie er wohl glaubte – für sein Vaterland in den Krieg zog. Er diente als Oberstabsarzt und Chefarzt großer Seuchenlazarette an der Ostfront; 1917 verlieh ihm Großherzog Friedrich II. von Baden (1857–1928) den Titel Medizinalrat. Sein Sohn Hans, geboren 1892, war Leutnant, vier Jahre im Krieg und erhielt das Eiserne Kreuz II. und I. Klasse sowie das Ritterkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen mit Schwertern; der jüngere Sohn Felix meldete sich als Kriegsfreiwilliger und wurde ebenfalls mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse und dem Ritterkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen mit Schwertern ausgezeichnet. Die Vettern Albert, geboren 1863, und Hugo, geboren 1872, meldeten sich ebenfalls freiwillig und wurden mit dem Eisernen Kreuz, dem Ritterkreuz, dem Fürstlich Lippe-Detmolder Ehrenkreuz für heldenmütige Tat bzw. der Badischen Verdienstmedaille ausgezeichnet.

Kommunales Engagement

Vor dem Ersten Weltkrieg war Rudolf Kuppenheim Stadtverordneter für die Deutschnationale Volkspartei und auch – nach sein seinem Übertritt von der jüdischen Religionsgemeinschaft zur evangelischen Konfession – als Kirchengemeinderat engagiert. Der Vetter Albert betätigte sich in der Zeit der Weimarer Republik als Stadtverordneter für das Gemeinwesen, war Mitglied der Handelskammer, Oberschützenmeister und Vorsitzender des Verwaltungsrats der Sparkasse.

Vom Berufsverbot zur drohenden Deportation

Am 30. März 1933 meldete das „Pforzheimer Morgenblatt“: „Jüdische Ärzte und Zahnärzte sind von der Kassenpraxis ausgenommen“. Betroffen von diesem Berufsverbot waren folgende Ärzte in Pforzheim: Kurt Ehrenberg, Bernhard Kern, Abraham Kronstein, Hermann Netter, Nathan Roos, Wilhelm Rosenberg, Friedrich Schnurmann und auch Medizinalrat Dr. Rudolf Kuppenheim. Am 1. April 1933 wurde er zum Rücktritt gezwungen und musste aus dem Dienst des Krankenhauses Siloah nach 40 Jahren Tätigkeit als Gynäkologe ausscheiden. Nach den Erinnerungen seines Sohnes Felix hat er rund 19 000 Kinder in Pforzheim dabei geholfen das Licht der Welt zu erblicken. Seine Privatpraxis durfte er noch weiterführen.

Mit einem „Gesetz“ vom 5. Januar 1938 zwangen die Nationalsozialisten Juden bzw. solche Menschen, die sie als Juden abstempeln wollten, zur Annahme eines zweiten „jüdischen“ Vornamens, für Männer „Israel“, für Frauen „Sara“. So wurde aus der evangelischen Lily Kuppenheim, nach den Kriterien der sogenannten "Nürnberger Gesetze" von 1935 eine Arierin, eine Diskriminierte, aus dem zur evangelischen Konfession übergetretenen Rudolf Kuppenheim ein „Geltungsjude“ nach dem Glauben seiner Vorfahren. Diese selbst nach den „Gesetzen“ der NS-Diktatur widerrechtliche Maßnahme hatte zur Folge, dass die Ehe der Kuppenheims nicht mehr als „Mischehe“ galt und der relative Schutz vor der Deportation – immerhin bis Anfang Februar 1945 – entfiel.

Am 1. Oktober 1938 wurde Dr. Rudolf Kuppenheim die Zulassung als Arzt entzogen. Am 13. August 1938 hatte sich der Vetter Hugo Kuppenheim selbst umgebracht; er soll, so erzählte man sich in der Stadt, seine Auszeichnungen aus dem Weltkrieg so auf den Tisch gelegt haben, dass derjenige, der seine Leiche fand, diese sehen musste.

Der Sohn Hans hatte sich inzwischen in die USA retten können, der Sohn Felix hatte gerade die Einreisepapiere nach Südamerika bekommen, doch die Eheleute Lily und Rudolf Kuppenheim bleiben in ihrer Heimatstadt, obwohl im November und Dezember 1938 die antisemitischen Maßnahmen immer bedrückender wurden: Der Besuch von Theater, Kinos und Konzerten wurde für Juden verboten, das „Schwarze Korps“, die Zeitung der SS, schrieb am 24. November 1938 zur „totalen Lösung der Judenfrage“: „Das Programm ist klar. Es lautet: völlige Ausscheidung, restlose Trennung !“ Für die Zukunft beschrieb die SS die „Notwendigkeit, die jüdische Unterwelt genau so auszurotten, wie wir in unserem Ordnungsstaat Verbrecher eben auszurotten pflegen: mit Feuer und Schwert“.

22. Oktober 1940

Am 21. Oktober 1940 feierten die Eheleute den Tag, an dem sie sich vor 50 Jahren in Heidelberg kennengelernt hatten. Am Morgen des folgenden Tages klingelten SA-Männer an der Tür, sie forderten Lily und Rudolf Kuppenheim auf, in einer Stunde abmarschbereit zu sein mit 50 Kilogramm Gepäck, einer Wolldecke, Verpflegung, Ess- und Trinkgeschirr und maximal 100 Reichsmark pro Person. Ähnliches geschah an über 100 Wohnungstüren in Pforzheim. Statt zu packen, nahmen die Eheleute das Gift, das in der seit zwei Jahren geschlossenen Arztpraxis noch vorhanden war. Die zurückgekommenen SA-Männer fanden neben den beiden noch Lebenden auf dem Tisch auf einem Samtkissen die Auszeichnungen von Rudolf Kuppenheim aus dem Weltkrieg.

Der Sohn Felix Kuppenheim, der kurz vor seiner Auswanderung stand und auf die Nachricht hin nach Pforzheim kam, berichtete: „Auf der Strasse kondolierten mir viele, mir zum Teil ganz unbekannte Personen, und dies wurde beobachtet, weshalb mich ein wohlmeinender städtischer Beamter warnte und mir riet, sofort abzureisen“.[1]

Lily und Rudolf Kuppenheim starben am 23. Oktober 1940 im Städtischen Krankenhaus. Die Trauerfeier fand am 25. Oktober 1940 in der Schlosskirche statt.

Laut dem „Merkblatt für eingesetzte Beamte“ hätten die Eheleute Kuppenheim gar nicht auf der Deportationsliste stehen dürfen, denn ausdrücklich ausgenommen von der für den 20. Oktober 1940 geplanten Deportation der Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland waren „Angehörige von Mischehen“.

Gedenken

Literatur

Weblinks

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