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Juden: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Bild:Barfuessergasse2.jpg|thumb|Straßenschild Barfüßergasse mit Hinweis auf historische Bezeichnung "Judengässlein"]]
'''Juden''' gehören seit dem Mittelalter zur Bevölkerung in der Region.
[[Datei:Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26-28 in Pforzheim.jpg|thumb| Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim.]]
[[Datei:Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26-28 in Pforzheim, Inneres.jpg|thumb| Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim.]]
[[Datei:Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26-28 in Pforzheim nach der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, abgeknickter Davidstern der Kuppel.jpg|thumb| Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim nach der Pogromnacht 1938.]]
[[Datei:Ruine des Alten Synagoge an der Zerrennerstraße 26-28 in Pforzheim, Entwurf Ludwig Levy, erbaut 1891–1892, zerstört 1938 .png|thumb|Ruine der Alten Synagoge in Pforzheim.]]
[[Bild:Gedenkstein am Platz der Synagoge.jpg|thumb|Gedenkstein am Platz der Synagoge]]
[[Datei:Jüdischer Friedhof.jpg|thumb|Jüdischer Friedhof]]

'''Juden''' (''Jehudim'' hebräisch:"יְהוּדִים") gehören seit dem Mittelalter zur Bevölkerung in der Region.
Darunter die Juden südeuropäischer Herkunft (''[[Sephardim]]'' hebräisch:"סְפָרַדִּים") sowie die Juden mittel- und osteuropäischer Herkunft (''[[Aschkenasim]]'' hebräisch:"אַשְׁכֲּנָזִים").


== Pforzheim ==
== Pforzheim ==


=== Geschichte bis 1945 ===
=== Mittelalter ===
Aus dem Mittelalter gibt es spärliche Hinweise auf eine jüdische Gemeinde in [[Pforzheim]]. Juden werden in den Berichten um die als Märtyrerin verehrte [[Margaretha von Pforzheim]] für ihre Ermordung im Jahr [[1260]] oder [[1267]] verantwortlich gemacht; siehe dazu auch [[Das von den Juden getötete Mägdlein (Sage)]]. Aus dem späten Mittelalter ist der Straßenname "Judengasse" oder "Judengässlein" überliefert, bei dem es sich wahrscheinlich um den westlichen Teil der heutigen [[Barfüßergasse]] handelte.
Aus dem Mittelalter gibt es spärliche Hinweise auf eine jüdische Gemeinde in [[Pforzheim]]. In den Berichten um die als Märtyrerin verehrte [[Margaretha von Pforzheim]] werden "die Juden" für ihre Ermordung im Jahr [[1260]] verantwortlich gemacht (vgl. auch [[Das von den Juden getötete Mägdlein (Sage)]]), ihre Hinrichtung als Schuldige wird beiläufig erwähnt. Auch eine zeitgenössische jüdische Quelle weist auf ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung Pforzheims in diesem Jahr hin; ihr kann man weiter entnehmen, dass zu den Opfern ein Rabbiner zählte, was auf die damalige Existenz einer etablierten jüdischen Gemeinde in Pforzheim hinweist.

Aus dem späten Mittelalter ist der Straßenname "Judengasse" oder "Judengässlein" überliefert, bei dem es sich wahrscheinlich um den westlichen Teil der heutigen [[Barfüßergasse]] handelte.

=== Neuzeit bis 1945 ===


Die älteste bekannte Erwähnung eines jüdischen Betsaals in Pforzheim stammt von [[1709]]. Im Jahr [[1810]] zählt die Jüdische Gemeinde in Pforzheim 95 Mitglieder; ihre erste [[Synagoge]] richtet sie [[1812]] an der [[Metzgerstraße]] ein.
Die älteste bekannte Erwähnung eines jüdischen Betsaals in Pforzheim stammt von [[1709]]. Im Jahr [[1810]] zählt die Jüdische Gemeinde in Pforzheim 95 Mitglieder; ihre erste [[Synagoge]] richtet sie [[1812]] an der [[Metzgerstraße]] ein.


Der repräsentative Nachfolgebau wird [[1893]] an der [[Zerrennerstraße]] 26, am heutigen [[Platz der Synagoge]], eingeweiht. Um [[1900]] zählt die Jüdische Gemeinde knapp 450 Mitglieder.
Der repräsentative Nachfolgebau wird [[1893]] an der [[Zerrennerstraße]] 26, am heutigen [[Platz der Synagoge]], eingeweiht: Die [[Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim]]. [[1900]] zählt die Jüdische Gemeinde 536 Mitglieder.


Mit der Machtergreifung des [[Nationalsozialismus]] am [[30. Januar]] [[1933]] setzt die staatlich organisierte [[Judenverfolgung]] ein. Juden werden auch in Pforzheim aus dem Wirtschaftsleben gedrängt und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die jüdische Bevölkerung Pforzheims umfasst im Juni 1933 770 Personen.
Mit der Machtergreifung des [[Nationalsozialismus]] am [[30. Januar]] [[1933]] setzt die staatlich organisierte Judenverfolgung ein. Juden werden auch in Pforzheim aus dem Wirtschaftsleben gedrängt und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die jüdische Bevölkerung Pforzheims umfasst im Juni 1933 noch 770 Personen.


==== Reichspogromnacht ====
In der [[Reichspogromnacht]] vom [[9. November]] auf den [[10. November]] [[1938]] verwüstet die [[SA]] die Pforzheimer Synagoge. In der Folgezeit wandert ein Großteil der in Pforzheim lebenden Juden ins Ausland aus. Die Synagoge wird [[1939]] abgerissen, die Kosten hierfür der Jüdischen Gemeinde auferlegt.
Am Morgen des [[10. November]] [[1938]] verwüstet die SA die Pforzheimer Synagoge. In der Folgezeit wandert ein Großteil der in Pforzheim lebenden Juden ins Ausland aus. Die Synagoge wird [[1939]] abgerissen, die Kosten hierfür der Jüdischen Gemeinde auferlegt.


==== Wagner-Bürckel-Aktion ====
Am [[15. Oktober]] [[1940]] weist das [[Baden|badische]] Innenministerium die ihm unterstellten Polizeidirektionen an, alle Juden auszuweisen, ausgenommen nur transportunfähige Kranke, ausländische Staatsangehörige und mit "Ariern" verheiratete Juden. Am [[22. Oktober]] werden 182 Juden aus Pforzheim abtransportiert, darunter auch einige Personen, die zuvor in [[Königsbach]] wohnhaft waren. Nur wenige bleiben zurück, nach einem Bericht von 1941 leben noch 33 Juden in Pforzheim.


Am [[15. Oktober]] [[1940]] weist das [[Baden|badische]] Innenministerium im Rahmen der sogenannten "Wagner-Bürckel-Aktion" die ihm unterstellten Polizeidirektionen an, alle Juden auszuweisen, ausgenommen nur transportunfähige Kranke, ausländische Staatsangehörige und mit "Ariern" verheiratete Juden. Am [[22. Oktober]] werden 186 Juden vom [[Güterbahnhof]] aus Pforzheim abtransportiert, darunter auch einige Personen, die zuvor in [[Königsbach]] wohnhaft waren, weitere neun ehemalige Pforzheimer BürgerInnen kommen aus anderen Gemeinden zum Transport nach Gurs hinzu, sodass die Gesamtzahl der aus Pforzheim Stammenden 195 beträgt. Nur wenige bleiben zurück, nach einem Bericht von 1941 leben noch 33 Juden in Pforzheim.
Die aus Baden und zur gleichen Zeit aus der [[Pfalz]] deportierten Juden kommen in das südfranzösische Lager [[Gurs]] und vegetieren dort unter katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen, denen zahlreiche Lagerinsassen zum Opfer fallen. Die noch im Lager befindlichen Überlebenden werden ab [[1942]] ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert.


Die aus Baden und zur gleichen Zeit aus der [[Pfalz]] deportierten Juden kommen in das südfranzösische Lager [[Gurs]] und vegetieren dort unter katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen. 28 Menschen sterben im Lager, 55 können gerettet werden. Fast alle der noch im Lager befindlichen Überlebenden werden ab [[1942]] ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert und dort ermordet.
=== Gegenwart ===

Siehe [[Synagoge#Pforzheim|Synagoge]].
=== Die jüdische Gemeinde nach 1945 bis zur Gegenwart ===
Die wenigen nach 1945 wieder zugezogenen jüdischen Personen gehörten lange zur jüdischen Gemeinde in Karlsruhe.

Erst in den 1980er-Jahren konnte die neue jüdische Gemeinde, die Israelitische Kultusgemeinde Pforzheim, gegründet werden.

Die neue Gemeinde richtete einen Betsaal in einem Haus am [[Marktplatz (Pforzheim)|Marktplatz]] ein. Diesem folgte dann ein neuer Betsaal in der [[Zerrennerstraße]] am [[Waisenhausplatz]].

Aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kamen in den 1990er-Jahren viele jüdische Gläubige zur Pforzheimer Gemeinde. Deshalb wurde 2003-2004 der Bau einer neuen Synagoge mit einem jüdischen Gemeindezentrum in den [[Kallhardtanlagen]] geplant. Dieser Plan wurde aber nicht verwirklicht.

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden konnte im Frühjahr [[2004]] das [[Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank an der Emilienstraße 20/22]] erwerben. Nach Plänen des Architekten Nathan Schächter wurde das Gebäude bis Anfang 2006 zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Synagoge, Schule und Gemeindeverwaltung umgestaltet.

* Siehe auch [[Synagoge#Pforzheim|Synagoge]].


== Königsbach ==
== Königsbach ==
In [[Königsbach]] gab es bis zur Judenverfolgung im [[Nationalsozialismus]] eine jüdische Gemeinde. Ihre [[1834]] erbaute [[Synagoge#Königsbach|Synagoge]] wurde ebenfalls in der Reichspogromnacht 1938 zerstört.
In [[Königsbach]] gab es bis zur Judenverfolgung im [[Nationalsozialismus]] eine jüdische Gemeinde. Ihre [[1834]] erbaute [[Synagoge#Königsbach|Synagoge]] wurde ebenfalls in der [[Reichspogromnacht]] 1938 zerstört. Die meisten der noch verbliebenen Königsbacher Juden werden in "Judenhäuser" in Pforzheim und anderen Städten umgesiedelt und teilen in der Folge das Schicksal der anderen badischen Juden (siehe Wagner-Bürckel-Aktion).


=== Jüdischer Friedhof Königsbach ===
Ein jüdischer Friedhof ist in Königsbach noch erhalten. Am Rande des Wohngebiets "Steidig" liegt der 1872 gegründete jüdische Friedhof, auf dem 1940 die letzte Bestattung stattfand.
Ein [[Jüdischer Friedhof (Königsbach)|jüdischer Friedhof]] ist in Königsbach noch erhalten. Am Rande des Wohngebiets "Steidig" liegt der 1872 gegründete jüdische Friedhof, auf dem 1940 die letzte Bestattung stattfand.
Der Königsbacher Kaufmann Löw Stern machte den Kauf des Grundstücks für den Friedhof möglich. Bis dahin mussten die Toten der jüdischen Gemeinde Königsbach nach Obergrombach gebracht werden um dort beigesetzt zu werden. Löw Stern ist einer der circa 140 in Königsbach beerdigten Juden.
Der Königsbacher Kaufmann Löw Stern machte den Kauf des Grundstücks für den Friedhof möglich. Bis dahin mussten die Toten der jüdischen Gemeinde Königsbach nach Obergrombach gebracht werden um dort beigesetzt zu werden. Löw Stern ist einer der circa 140 in Königsbach beerdigten Juden.
Für die Opfer der NS-Zeit wurde auf dem Friedhof ein Gedenkstein errichtet.
Für die Opfer der NS-Zeit wurde auf dem Friedhof ein Gedenkstein errichtet.


== Unterschwandorf ==
== Vaihingen an der Enz ==
Im [[Nationalsozialismus|Nationalsozialistischen]] [[KZ-Gedenkstätte Vaihingen an der Enz|Konzentrationslager]] wurden vorwiegend Juden zur Arbeit gezwungen, deshalb ist der Friedhof des Konzentrationslagers ein [[Jüdischer Friedhof (Vaihingen an der Enz)|Jüdischer Friedhof]].

== Unterschwandorf (Kreis Calw) ==
In [[Unterschwandorf]], heute Stadtteil von [[Haiterbach]] im südlichen [[Landkreis Calw]], bestand von Ende des [[18. Jahrhundert]]s bis [[1861]] eine kleine jüdische Gemeinde. Im Jahr [[1801]] wurde ein heute noch erhaltener jüdischer Friedhof angelegt, [[1803]] eine Synagoge erbaut. Zeitweise stellten Juden ein Drittel der Dorfbevölkerung und in den [[1830er]]-Jahren mit [[Gottlieb Moses Dessauer]] sogar den ersten jüdischen Bürgermeister in [[Württemberg]].
In [[Unterschwandorf]], heute Stadtteil von [[Haiterbach]] im südlichen [[Landkreis Calw]], bestand von Ende des [[18. Jahrhundert]]s bis [[1861]] eine kleine jüdische Gemeinde. Im Jahr [[1801]] wurde ein heute noch erhaltener jüdischer Friedhof angelegt, [[1803]] eine Synagoge erbaut. Zeitweise stellten Juden ein Drittel der Dorfbevölkerung und in den [[1830er]]-Jahren mit [[Gottlieb Moses Dessauer]] sogar den ersten jüdischen Bürgermeister in [[Württemberg]].


Ab [[1850]] setzte jedoch eine zunehmende Ab- und Auswanderung der Unterschwandorfer Juden ein. [[1860]] war die jüdische Bevölkerung am Ort so weit geschwunden, dass die Muttergemeinde in Baisingen (heute Stadtteil von Rottenburg am Neckar) beschloss, die Synagoge zu schließen und das Gebäude zu verkaufen. Nachfolgend als Lagergebäude genutzt, verfiel es zunehmend und wurde [[1920]] abgebrochen.
Gegen Mitte des [[19. Jahrhundert]]s setzte jedoch eine zunehmende Ab- und Auswanderung der Unterschwandorfer Juden ein. [[1860]] war die jüdische Bevölkerung am Ort so weit geschwunden, dass die Muttergemeinde in Baisingen (heute Stadtteil von Rottenburg am Neckar) beschloss, die Synagoge zu schließen und das Gebäude zu verkaufen. Nachfolgend als Holzlager und Scheune genutzt, wurde es mit der Zeit baufällig und [[1920]] abgebrochen.


== siehe auch ==
== siehe auch ==
* [[Johannes Reuchlin]]
* [[Johannes Reuchlin]]
* [[Hauptfriedhof#Jüdischer Friedhof|Jüdischer Friedhof]]


== Literatur ==
== Literatur ==
* Hans Georg Zier: ''Geschichte der Stadt Pforzheim'', Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0234-6
* Hans Georg Zier, ''Geschichte der Stadt Pforzheim'', Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0234-6
* {{Brändle 1990}}
* Gerhard Brändle, Jüdische Gotteshäuser in Pforzheim, Verlag der Stadt Pforzheim (1990), ISBN 978-3980084352
* {{Brändle 1985}}
* Gerhard Brändle, Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim, Verlag der Stadt Pforzheim (1985)
* [[Gerhard Brändle|derselbe]], ''Jüdisches Pforzheim. Einladung zur Spurensuche'', Haigerloch 2001 (36 S.)
* [[Herbert Ruff]]: ''Die Margaretha von Pforzheim - Geschichte, Legende, Tradition'', in: ''Ängste und Auswege. Bilder aus Umbruchszeiten in Pforzheim. Band 1'', Ubstadt-Weiher 2001, S. 139 - 170


== Weblinks ==
== Weblinks ==
* {{Homepage2|www.Juedische-Gemeinde-Pforzheim.de|Israelitische Kultusgemeinde Pforzheim}}
* {{Homepage|www.Juedische-Gemeinde-Pforzheim.de|Israelitische Kultusgemeinde Pforzheim}}
* {{Homepage2|www.alemannia-judaica.de|Alemannia Judaica}} – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
* {{Homepage|www.alemannia-judaica.de|Alemannia Judaica}} – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum
* {{Stadtwiki Karlsruhe2|Juden_in_Karlsruhe|Juden in Karlsruhe}}
* {{Stadtwiki Karlsruhe|Juden_in_Karlsruhe|Juden in Karlsruhe}}
* {{Stadtwiki Karlsruhe|Wagner-B%C3%BCrckel-Aktion|Wagner-Bürckel-Aktion}}
* {{wikipedia2|Judentum|Judentum}}
* [https://www.pforzheim.de/kultur-freizeit/stadtgeschichte/juedische-buerger.html Datenbank der zwischen 1919 und 1945 in Pforzheim geborenen bzw. ansässigen jüdischen Bürgerinnen und Bürger und deren Schicksale auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Pforzheim]


[[Kategorie:Geschichte]]
[[Kategorie:Judentum|!]]
[[Kategorie:Religion]]
[[Kategorie:Pforzheim]]
[[Kategorie:Königsbach-Stein]]

Aktuelle Version vom 21. August 2019, 11:49 Uhr

Straßenschild Barfüßergasse mit Hinweis auf historische Bezeichnung "Judengässlein"
Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim.
Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim.
Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim nach der Pogromnacht 1938.
Ruine der Alten Synagoge in Pforzheim.
Gedenkstein am Platz der Synagoge
Jüdischer Friedhof

Juden (Jehudim hebräisch:"יְהוּדִים") gehören seit dem Mittelalter zur Bevölkerung in der Region. Darunter die Juden südeuropäischer Herkunft (Sephardim hebräisch:"סְפָרַדִּים") sowie die Juden mittel- und osteuropäischer Herkunft (Aschkenasim hebräisch:"אַשְׁכֲּנָזִים").

Pforzheim

Mittelalter

Aus dem Mittelalter gibt es spärliche Hinweise auf eine jüdische Gemeinde in Pforzheim. In den Berichten um die als Märtyrerin verehrte Margaretha von Pforzheim werden "die Juden" für ihre Ermordung im Jahr 1260 verantwortlich gemacht (vgl. auch Das von den Juden getötete Mägdlein (Sage)), ihre Hinrichtung als Schuldige wird beiläufig erwähnt. Auch eine zeitgenössische jüdische Quelle weist auf ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung Pforzheims in diesem Jahr hin; ihr kann man weiter entnehmen, dass zu den Opfern ein Rabbiner zählte, was auf die damalige Existenz einer etablierten jüdischen Gemeinde in Pforzheim hinweist.

Aus dem späten Mittelalter ist der Straßenname "Judengasse" oder "Judengässlein" überliefert, bei dem es sich wahrscheinlich um den westlichen Teil der heutigen Barfüßergasse handelte.

Neuzeit bis 1945

Die älteste bekannte Erwähnung eines jüdischen Betsaals in Pforzheim stammt von 1709. Im Jahr 1810 zählt die Jüdische Gemeinde in Pforzheim 95 Mitglieder; ihre erste Synagoge richtet sie 1812 an der Metzgerstraße ein.

Der repräsentative Nachfolgebau wird 1893 an der Zerrennerstraße 26, am heutigen Platz der Synagoge, eingeweiht: Die Alte Synagoge an der Zerrennerstraße 26/28 in Pforzheim. 1900 zählt die Jüdische Gemeinde 536 Mitglieder.

Mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus am 30. Januar 1933 setzt die staatlich organisierte Judenverfolgung ein. Juden werden auch in Pforzheim aus dem Wirtschaftsleben gedrängt und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. Die jüdische Bevölkerung Pforzheims umfasst im Juni 1933 noch 770 Personen.

Reichspogromnacht

Am Morgen des 10. November 1938 verwüstet die SA die Pforzheimer Synagoge. In der Folgezeit wandert ein Großteil der in Pforzheim lebenden Juden ins Ausland aus. Die Synagoge wird 1939 abgerissen, die Kosten hierfür der Jüdischen Gemeinde auferlegt.

Wagner-Bürckel-Aktion

Am 15. Oktober 1940 weist das badische Innenministerium im Rahmen der sogenannten "Wagner-Bürckel-Aktion" die ihm unterstellten Polizeidirektionen an, alle Juden auszuweisen, ausgenommen nur transportunfähige Kranke, ausländische Staatsangehörige und mit "Ariern" verheiratete Juden. Am 22. Oktober werden 186 Juden vom Güterbahnhof aus Pforzheim abtransportiert, darunter auch einige Personen, die zuvor in Königsbach wohnhaft waren, weitere neun ehemalige Pforzheimer BürgerInnen kommen aus anderen Gemeinden zum Transport nach Gurs hinzu, sodass die Gesamtzahl der aus Pforzheim Stammenden 195 beträgt. Nur wenige bleiben zurück, nach einem Bericht von 1941 leben noch 33 Juden in Pforzheim.

Die aus Baden und zur gleichen Zeit aus der Pfalz deportierten Juden kommen in das südfranzösische Lager Gurs und vegetieren dort unter katastrophalen hygienischen und sanitären Bedingungen. 28 Menschen sterben im Lager, 55 können gerettet werden. Fast alle der noch im Lager befindlichen Überlebenden werden ab 1942 ins Vernichtungslager Auschwitz abtransportiert und dort ermordet.

Die jüdische Gemeinde nach 1945 bis zur Gegenwart

Die wenigen nach 1945 wieder zugezogenen jüdischen Personen gehörten lange zur jüdischen Gemeinde in Karlsruhe.

Erst in den 1980er-Jahren konnte die neue jüdische Gemeinde, die Israelitische Kultusgemeinde Pforzheim, gegründet werden.

Die neue Gemeinde richtete einen Betsaal in einem Haus am Marktplatz ein. Diesem folgte dann ein neuer Betsaal in der Zerrennerstraße am Waisenhausplatz.

Aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion kamen in den 1990er-Jahren viele jüdische Gläubige zur Pforzheimer Gemeinde. Deshalb wurde 2003-2004 der Bau einer neuen Synagoge mit einem jüdischen Gemeindezentrum in den Kallhardtanlagen geplant. Dieser Plan wurde aber nicht verwirklicht.

Die Israelitische Religionsgemeinschaft Baden konnte im Frühjahr 2004 das Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank an der Emilienstraße 20/22 erwerben. Nach Plänen des Architekten Nathan Schächter wurde das Gebäude bis Anfang 2006 zu einem jüdischen Gemeindezentrum mit Synagoge, Schule und Gemeindeverwaltung umgestaltet.

Königsbach

In Königsbach gab es bis zur Judenverfolgung im Nationalsozialismus eine jüdische Gemeinde. Ihre 1834 erbaute Synagoge wurde ebenfalls in der Reichspogromnacht 1938 zerstört. Die meisten der noch verbliebenen Königsbacher Juden werden in "Judenhäuser" in Pforzheim und anderen Städten umgesiedelt und teilen in der Folge das Schicksal der anderen badischen Juden (siehe Wagner-Bürckel-Aktion).

Jüdischer Friedhof Königsbach

Ein jüdischer Friedhof ist in Königsbach noch erhalten. Am Rande des Wohngebiets "Steidig" liegt der 1872 gegründete jüdische Friedhof, auf dem 1940 die letzte Bestattung stattfand. Der Königsbacher Kaufmann Löw Stern machte den Kauf des Grundstücks für den Friedhof möglich. Bis dahin mussten die Toten der jüdischen Gemeinde Königsbach nach Obergrombach gebracht werden um dort beigesetzt zu werden. Löw Stern ist einer der circa 140 in Königsbach beerdigten Juden. Für die Opfer der NS-Zeit wurde auf dem Friedhof ein Gedenkstein errichtet.

Vaihingen an der Enz

Im Nationalsozialistischen Konzentrationslager wurden vorwiegend Juden zur Arbeit gezwungen, deshalb ist der Friedhof des Konzentrationslagers ein Jüdischer Friedhof.

Unterschwandorf (Kreis Calw)

In Unterschwandorf, heute Stadtteil von Haiterbach im südlichen Landkreis Calw, bestand von Ende des 18. Jahrhunderts bis 1861 eine kleine jüdische Gemeinde. Im Jahr 1801 wurde ein heute noch erhaltener jüdischer Friedhof angelegt, 1803 eine Synagoge erbaut. Zeitweise stellten Juden ein Drittel der Dorfbevölkerung und in den 1830er-Jahren mit Gottlieb Moses Dessauer sogar den ersten jüdischen Bürgermeister in Württemberg.

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts setzte jedoch eine zunehmende Ab- und Auswanderung der Unterschwandorfer Juden ein. 1860 war die jüdische Bevölkerung am Ort so weit geschwunden, dass die Muttergemeinde in Baisingen (heute Stadtteil von Rottenburg am Neckar) beschloss, die Synagoge zu schließen und das Gebäude zu verkaufen. Nachfolgend als Holzlager und Scheune genutzt, wurde es mit der Zeit baufällig und 1920 abgebrochen.

siehe auch

Literatur

  • Hans Georg Zier, Geschichte der Stadt Pforzheim, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1982, ISBN 3-8062-0234-6
  • Gerhard Brändle mit Wolfgang Zink; herausgegeben von der Stadt Pforzheim: „Jüdische Gotteshäuser in Pforzheim“, 1. Auflage, Pforzheim (Stadt Pforzheim) 1990 ISBN 3-9800843-5-3
  • Gerhard Brändle: „Die jüdischen Mitbürger der Stadt Pforzheim“, herausgegeben von der Stadt Pforzheim, Pforzheim 1985 (1. Auflage) ISBN 3-9800843-1-0
  • derselbe, Jüdisches Pforzheim. Einladung zur Spurensuche, Haigerloch 2001 (36 S.)
  • Herbert Ruff: Die Margaretha von Pforzheim - Geschichte, Legende, Tradition, in: Ängste und Auswege. Bilder aus Umbruchszeiten in Pforzheim. Band 1, Ubstadt-Weiher 2001, S. 139 - 170

Weblinks