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Kindheit auf dem Schafhof — Maria Weissert-Hartmann

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aus "Kindheitserinnerungen an den Schafhof"; aufgeschrieben von Frau Maria Weissert-Hartmann, Maulbronn 2005

Inhaltsverzeichnis

Wenn der Schafstall erzählen könnte...

käme sicher manch interessantes zu Tage. In meiner frühesten Kindheit kann ich mich noch erinnern, wie Wanderschäfer im Winter und zeitigen Frühjahr durchgezogen sind und mit ihrer Herde im Schafstall Halt machten. Meist kamen sie von der Schwäbischen Alb(Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Schwäbischen Alb”) und wir Kinder verstanden kein Wort. Es hat sich selten ein Fremder auf den Schafhof verirrt und so kannten wir nur unseren Dialekt. Manchmal waren schon seltsame Gestalten darunter, ich musterte sie immer genau, ob unter ihrem Schlapphut gütige oder listige, verschmitzte Augen hervorschauten. Je nachdem bin ich näher gegangen. Natürlich haben die Tiere auch ihre Spuren hinterlassen und wir mußten die vielen "Schafböppel" wegräumen. Die einzelnen Stockwerke im Schafstall wurden von der Gemeinde vermietet an Leute, die keine eigene Scheune hatten oder deren Platz nicht reichte, um ihr Heu oder Stroh unterzubringen. Einen Großteil davon hatte die Familie Ludwig Bonnet (Großvater von Kurt und Hans Bonnet), sie unterhielten auch den Farrenstall (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Farre”). Im Winter wurde dann unten auf der Tenne noch mit Flegeln gedroschen. Das war schön anzusehen und vor allem anzuhören. Mit 1 - 2 - 3 ging es los, immer im 3/4-Takt. Einige Male habe ich mitgedroschen. Das war gar nicht so einfach, den schweren Schlegel hoch zu schwingen und im Takt mit den andern auf das am Boden liegende Getreide zu hauen, um die Körner aus den Hülsen oder Spelzen zu bekommen. Der Lui (Ludwig Bonnet) sagte immer zu seinen Leuten: "Wenn ihr dreschen könnt, könnt ihr auch tanzen und heiraten." Zu dritt ging es ja, aber zu sechst musste man höllisch aufpassen. Aber bald kam die Dreschmaschine auf. Mit Hilfe eines Bulldogs wurde sie angetrieben. Entweder man konnte sein Getreide direkt vom Feld noch vom Heuwagen herunter dreschen lassen, oder wer oben im Schafstall sein Getreide unterbrachte, konnte auch bei Regenwetter dreschen. Später hat dann Ulrich Münch aus Freudenstein eine verbesserte elektrische Dreschmaschine hingestellt und ist auch von Scheune zu Scheune gezogen und hat eine richtige Lohndrescherei betrieben. Für uns Schafhofkinder war der Schafstall ein richtiges Paradies. Da es keinem Privatmann gehörte, konnten wir uns dort austoben, vor allem bei Regenwetter. Es gab so viele Möglichkeiten, sich zu verstecken, also "Versteckerles" zu spielen, weil sich ständig was änderte, wenn Heu entweder geholt oder was anderes dafür gebracht wurde. Zu gerne spielten wir auch Theater. Das "Waaghäusle" war die ideale Bühne dafür. Durch ein Fenster stiegen wir vom Schafstall aus auf das Dach und machten dort unsere Vorführungen und im Inneren konnten wir uns unbemerkt von außen umziehen. Meistens führten wir Märchen vor und kamen uns wirklich wie Königskinder vor, wenn wir Prinzessin oder Prinz spielten. Unten haben wir Bänke aufgestellt, wo dann "unser Publikum" saß. Kleider fanden wir genug in den alten Schränken und mit Hochzeitsschleiern konnten wir manchen verzaubern. Die Vorführungen waren nur sonntags, werktags mussten wir mithelfen. Jeder hatte sein tägliches Pensum zu schaffen je nach Größe und Alter. Holz herbeischaffen, Kartoffeln holen vom Keller und waschen, Hühner füttern, Eier einsammeln, Hasenstall ausmisten und vieles mehr. Da gab es oft Ärger, wenn man was "vergessen" hatte.

Das Dritte Reich

Im Dritten Reich waren in der Sommerzeit öfters Zeltlager für Pimpfe (H-J-Jugend) am Tiefen See oder am Klosterberg. Wenn es dann aber regnete, konnten sie im gemeindeeigenen Gebäude, also im Schafstall, Unterschlupf finden. Da wurde dann lauthals gesungen und die Lieder geschmettert wie "Die Fahne hoch"(Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Horst Wessel”) oder "Es zittern die morschen Knochen"(Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Hans Baumann”). Wir natürlich mit großer Begeisterung dabei und mittendrin. Der Nussers Jakob hat aber aufgepasst und kontrolliert, dass keiner etwa ein Taschenmesser oder Streichholz mit in die Scheune nahm. Als Nachbar fühlte er sich verantwortlich und konnte fuchsteufelswild werden, wenn sie nicht darauf achteten. Zum Frühstück hat ihnen meine Mutter eine große Kanne Kaffee (geröstete Gerste), einen Hafen Milch, selbstgebackenes Brot und Gsälz hingestellt. Das hat ihnen geschmeckt und für uns war es eine schöne Abwechslung. Im September 1939 war Mobilmachung und die erste Einquartierung. Der untere Teil vom Schafstall wurde frei gemacht und diente in der Zeit als Pferdestall. Da war ein munteres Treiben nebenan und mit den Soldaten haben wir uns auch angefreundet. Doch lange konnten sie sich nicht aufhalten, sie mussten ja in den Krieg ziehen. In den Anfängen des Zweiten Weltkrieges hat man noch viel mit Pferden gearbeitet. Während, aber vor allem nach Kriegsende, konnte der von Glück sagen, der ein eigenes Äckerle hatte. Darauf wurden Kartoffeln und Gemüse angepflanzt. Viele wurden da "Selbstversorger". Die Lebensmittelmarken (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Lebensmittelmarke”) waren knapp rationiert und jeder hat geschaut, wie er die Nahrungsversorgung verbessern konnte.

Vom Schafstall zum Museum

Nach der Währungsumstellung 1948 (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Einführung der D-Mark”) konnte man wieder fast alles kaufen, auch gab es viel zu tun am Wiederaufbau. Sein "Äckerle" war nicht mehr so wichtig, jetzt war Geld verdienen gefragt. Für Geld konnte man jetzt alles kaufen. Die "Äckerle" wurden an die größeren Bauern verpachtet und somit war der Schafstall also die Scheune nicht mehr so wichtig. Deshalb entschloss sich die Gemeinde, das Gebäude an den Baustoffhändler Traub zu verkaufen. Oben wurden Wohnungen eingerichtet. Nachdem der Besitzer krankheitshalber sein Geschäft aufgeben musste, stand es einige Zeit leer, bis Asylanten dort eine Unterkunft fanden. Allerdings gingen diese nicht achtsam mit der Wohnung um, so dass nach deren Auszug das Haus unbewohnbar war. Nun war die große Frage - abreissen oder wie kann man es nützen? Weil Herr Haas (Geschichts- und Heimatverein Maulbronn) schon über einen längeren Zeitraum hinweg altes Handwerkzeug und ausgediente Geräte von Bauern sammelte, suchte er einen Aufbewahrungsort. Unser Bürgermeister Herr Felchle (Maulbronn) hat ihm das gemeindeeigene Haus zur Verfügung gestellt und nun kommt somit auch der Schafhof wieder zur Geltung, das freut mich!

Der gemeindeeigene Schweinestall

Im Schuppen vom gegenüber liegenden Schafstall war, wenn ich mich recht erinnere, Lagerraum für die Feuerwehrgeräte. Er wurde dann Ende der 30er Jahre, also in der Kriegszeit, zum gemeindeeigenen Schweinestall umgebaut. Ein etwas einfältiger Mann hat die Abfälle von Gasthäusern, der Seminarküche und auch von einigen Privathäusern eingesammelt und damit die Schweine gefüttert. Manchmal hat er zusätzlich Kartoffeln im großen Kessel gekocht, damit sie schön fett wurden. Er tat es sehr gewissenhaft und hatte so eine Aufgabe. Auf seinem Leiterwagen hatte er seine Kübel stehen, in die er die Abfälle leerte. Beim Berghochziehen kam er mächtig ins Schwitzen und musste öfters eine Schnaufpause einlegen. Wenn wir Kinder das gesehen haben, halfen wir beim Schieben. Aber wie es so ist, wenn eine Rasselbande beieinander ist, aus lauter Übermut, schubsten wir schneller als der Mann vorne an der Deichsel mitkam, um dann mit einem Ruck den Wagen anzuhalten, so dass er fast rücklings hinfiel. Das war komisch anzusehen und wir lachten uns halb tot. Wenn wir dann das nächste Mal helfen wollten, knurrte er und sah uns misstrauisch an. Aber da waren wir ganz brav! Überhaupt haben wir ihn oft geärgert. Beim Stallausmisten ist ihm manchmal passiert, dass ihm ein Schwein entwischte. Er musste hinterher rennen und es wieder reintreiben. Für uns war das sehr lustig anzusehen, wenn er wutentbrannt mit seiner Mistgabel hinterher rannte. Manchmal haben wir auch etwas nachgeholfen und den Riegel an der Stalltüre gelockert. Wenn dann ein Schwein dagegen stieß, ging die Türe auf und das Tier lief davon. Hinter dem Misthaufen versteckten wir uns und beobachteten von dort aus das Schauspiel. Wütend und keuchend rannte er der Sau nach, während wir uns saumäßig freuten. Nachdem wir uns genügend darüber ergötzt hatten, sprangen wir hilfreich ein, umkreisten das Tier und trieben es wieder in den Stall. Ja mit dem "Saukarle", so hieß Karl Vollmer, haben wir viel Unfug getrieben.

Maulbronn-Stadt und der Schafhof

Wir Schafhöfler waren schon was Eigenes. Vielleicht auch wegen der geographischen Lage waren wir etwas abgegrenzt. Dazu kam, dass damals Maulbronn ein Beamtenstädtchen war. Das Landratsamt, das Finanzamt und vor allem das Oberamt war hier. Das Amtsgericht besteht noch. Dadurch wohnten etliche Beamte auch hier. Die wollten es natürlich schön haben und kamen sich auch erhabener vor. Da wurde den Maulbronnern nachgesagt, sie seien hochnäsig und arrogant. Selbst wenn wir vom Schafhof runter gingen, sagten wir: "Wir gehen in die Stadt" und mussten uns dafür umziehen. Denn in der Stadt lebten die "Besseren". Das war der geläufige Ausdruck. Damit waren die besser verdienenden gemeint. Keineswegs sauber war es dagegen auf dem Schafhof. Die Pferde und Kühe hinterließen ihre Spuren. Mit den "Rossbollen" (Pferdeäpfel) ging es ja noch, aber die Kühe hinterließen richtig große Fladen und die meisten hatten Kühe, die man auch als Zugtiere benutzte. Man brauchte täglich frisches Futter für die Tiere und auch die Ernte musste eingebracht werden. Da hat man immer was verloren und das blieb dann liegen. Aber samstags wurden gefegt! Der Misthaufen vor jedem Stall war ein ganz wichtiges Objekt! Der Mist wurde dringend gebraucht als Dünger für die Felder und Wiesen. Von ihm, dem Wetter und natürlich auch von der guten Bearbeitung hing der Ertrag ab. Ein guter Mist war Gold wert! Aber auch Mist ist nicht gleich Mist. Von jedem Tier stinkt er anders und so kamen vielerlei Gerüche zusammen. Wenn man das Haus vom Schafhof 1 abzieht, das unten am Berg steht, waren es 14 Misten. So hat sich selten einer von den "Besseren" auf den Schafhof gewagt, denen hat es einfach zu arg gestunken. Früher gab es bei Festen immer Festumzüge. Wirklich schöne Umzüge bei Feuerwehr- oder Turnfesten. Die Häuser wurden herausgeputzt und geschmückt. Auch wir auf dem Schafhof haben uns angestrengt und schön gemacht – umsonst. Der Umzug kehrte meist am Brunnen um und zurück ging es in den Klosterhof. Auch die Vorstadt wurde umgangen. Hier wohnten vor allem die armen Steinhauer und Tagelöhner. Während des Dritten Reiches (Nazizeit=Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Drittes Reich”) wurden auch Fähnchen verteilt. Die kleinen Fahnen hat man an die Fenster gesteckt; die großen schwarz-weiß-rot-Flaggen mit Hakenkreuz (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Hakenkreuz”) mussten gut befestigt werden und hingen an allen öffentlichen Gebäuden und auch an etlichen Hitler-treuen Privathäusern. Auch auf dem Schafhof wurden sie verteilt. Aber rausgesteckt hat sie niemand, man wusste ja, dass der Schafhof kein Vorzeigeobjekt war. So war immer eine Kluft zwischen den Städtern und uns. Einmal hatte eine Familie Besuch aus Schmie, die Kinder spielten mit uns zusammen bis einer ganz höhnisch sagte "Ach ihr Maulbronner". Da haben wir uns aber gewehrt und gesagt: "Wir sind keine Maulbronner, wir sind Schafhöfler!" Die meisten Bewohner hatten eine kleine Landwirtschaft, meist im Nebenerwerb. Die Landwirtschaft allein genügte nicht, um dem Lebensunterhalt einer Familie gerecht zu werden und die Männer mussten schauen, wo sie etwas dazu verdienen konnten. Entweder auf dem Bau in den Steinbrüchen oder im Winter bei Holzarbeiten. Geld war immer Mangelware. Aber zu essen hatten wir immer, wenn es auch ein kärgliches Essen war. Es ging allen so und somit konnte keiner auf den anderen neidisch werden.

Alltag auf dem Schafhof

So gut es ging hat man sich gegenseitig geholfen und auch ausgeholfen. Das hört sich nun sehr harmonisch an – war es auch im Allgemeinen, aber dadurch, dass die meist großen Familien auf engstem Raum wohnten, zwei Familien oft eine Scheune hatten, kam es oft zu Reibereien. Überhaupt in der Erntezeit. Jeder wollte sein Heu oder Getreide trocken in die Scheune bringen, da stand schon der andere drin und das Heu wurde vor der Scheune noch nass, wenn es regnete. Da haben sich die ohnehin erhitzten Gemüter lauthals angeschrien und beschimpft. Überhaupt ging es oft lebhaft zu und keiner geizte mit Schimpfwörtern – aber irgendwie nach getaner Arbeit und guter Ernte und vor allem am Sonntagabend saß man wieder zusammen. Meistens auf der Staffel vor Notters (heute Dr. Mahal). Da machte ein Krug Most die Runde und die Gesichter erhellten sich. Für uns Kinder war das auch immer schön. Wir machten Singspiele und sonstige Vorführungen. Wenn dann beim "Schlagballspielen" (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Schlagballspiel”) auch die Männer mitmachten und den Ball ab und zu über den Schafhof hinausschlugen, war die Begeisterung groß. Es war ein Zusammenleben und Zusammenhalten. Wir Kinder wurden von klein an angehalten, den anderen zu helfen. Wenn jemand mit seinem vollgeladenen Leiterwägele, sei es mit Geisenfutter, Kartoffeln oder Äpfeln das "Hartmannsbergle" oder das "Brunnenbückele" herauf schnaufte, rannten wir Kinder und halfen beim Schieben und wir hatten sogar unseren Spaß dabei. Ganz selbstverständlich war es, dass die größeren Kinder auf die Kleinen aufpassten und auch auf die Alten. Auch während unseren Spielen waren wir immer am "Kinderhüten". Und Kinder gab es genug. Einmal ging das Ehepaar Rückert über den Schafhof und hat sich köstlich amüsiert an der Kinderschar. (Er war auf dem damaligen Jugendamt beschäftigt.) Sie haben dann die Kinder gezählt, es waren 56!

Kinderspiele

Kein Wunder, in unserem Haus waren es 8, im Nachbarhaus 10, so sind schnell 56 beisammen. Obwohl wir viel mithelfen mussten, wussten wir doch die wenige Zeit dazwischen für Spiele auszunützen. Der Schafhof war für uns der interessanteste, beste und schönste Spielplatz! Wir erfanden immer wieder neue Spiele. Je nach Jahreszeit standen auf dem Platz die bäuerlichen Geräte größtenteils nicht überdacht, vorwiegend gemeindeeigene, die gerade nicht benützt wurden, etwa der Bahnschlitten oder die Ackerwalze, auch Heuwagen (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Leiterwagen”) usw.. Und so erfanden wir das Spiel "Hochfangerles". Es wurde ausgelost, wer fangen musste. Alle Mitspieler durften sich nur auf den Geräten bewegen, keinen Fuß auf die Erde setzen, sonst musste er fangen. Aber wenn der Fänger jemand anfassen konnte, wurde er abgelöst. Man musste also von einem Gerät auf das andere springen, hüpfen oder handeln. Das war manchmal halsbrecherisch und gefährlich, wenn man auf der Deichsel des Heuwagens balancieren musste. Heute denke ich oft, dass da nichts Schlimmes passiert ist, grenzt an ein Wunder. Aber Kinder haben viele Schutzengel!

Der Bahnschlitten

Der Bahnschlitten war, wie schon der Name sagt, ein Schlitten, mit dem man eine Bahn macht, also die Wege oder Straßen frei macht von Schnee (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Schneepflug”). Ein Pferdeschlitten, der vorne spitz zuläuft und so den Schnee an die Seite drängt. Es war schon ein mächtiges Monstrum und mußte ja auch ein gewisses Maß an Gewicht haben. An den Seiten waren Bänke zum Draufsitzen, aber die meisten Leute standen (um den Schlitten zu beschweren). Meistens waren drei Pferdegespanne vorne zum Ziehen, wenn's dann steil auf ging, zum Beispiel die Knittlinger Staige hoch, wurde noch ein Pferdegespann dazugenommen. Dass der Weg oder die Straße zum damaligen Krankenhaus vom Schnee befreit wurde, war sehr wichtig. Dieser Schlitten stand den Sommer über auf dem Schafhof. Wir hatten immer schneereiche Winter und bevor er eingesetzt wurde, mußten die Kufen gut eingeschmiert werden. Für die Pferde war es ein Vergnügen, wenn sie vom Stall rauskonnten. Zwar wurden sie im Wald beim Stammholzfahren eingesetzt, aber wenn zu viel Schnee lag, war das nicht möglich. Doch Pferde müssen bewegt werden! Das war ein Schnauben und Wiehern, wenn sie da eingespannt wurden, un die Fuhrmänner freute es auch, denn wenn's ihren Pferden gut ging – ging's auch ihnen gut. Jeder war dann für sein Gespann verantwortlich. Den Pferden wurde das Geläute (Glocken) umgehängt und los ging's. Der Schlitten war voll besetzt mit Menschen, auch die größeren Kinder durften mit. Es war ein tolles Vergnügen so durch die Schneelandschaft zu gleiten. In Hohenklingen im Lamm oder auch im Rößle in Freudenstein wurde kurz Halt gemacht und die Männer haben sich von innen aufgewärmt mit einem Schnäpsle. Wie weit Bahn gemacht werden mußte, weiß ich nicht mehr. Aber sicher gehörte der "Bärenbuckel" auch dazu (die Steigung von Knittlingen bis zum Elfingerhof). Der Bahnschlitten ist also der Vorgänger des motorisierten Schneepfluges.

Kinder und die Landwirtschaft

Dass wir öfters Singspiele machten, habe ich schon erwähnt, überhaupt wurde viel gesungen. Alles, was wir im Kindergarten, in der Kinderkirche oder Schule gelernt haben, wurde fleißig nachgesungen. Ob das immer schön geklungen hat, weiß ich nicht, aber es hat mächtig Spaß gemacht! Wenn es dem Frühjahr zuging und wärmer wurde, wuchsen die Kartoffeln im Keller aus und hatten oft bis ½ Meter hohe Triebe, da mussten wir Kartoffeln abzupfen. Das war eine langweilige mühsame Kinderarbeit. Die Kartoffeln wurden vorwiegend für Schweinefutter gebraucht und das täglich. Mann oh Mann, war das ein furchtbar ekliges Geschäft, denn dazwischen waren viele faulige Kartoffeln und öfters hatte man seine Hände mitten in der Matsche. Ein Entrinnen gab es nicht – es musste getan werden. Allein im Keller zu hocken, wenn draußen schönes Wetter war, war schon schlimm genug. Aber wir wussten uns zu helfen. Zu was gab es denn so viele Kinder? Also schauten wir, wer gerade da war und holten uns ein paar in den Keller. Hei – das war dann gleich ein großes Vergnügen. Wir sangen einen Kanon um den anderen und das "Abzopfen" ging so nebenbe. Das leidige Geschäft war schnell erledigt und wir hatten dann noch Zeit zum Spielen. Auf die Idee, dass Teamarbeit Spaß macht, kamen wir schon bald, aber manchmal kann es auch schief gehen wie bei meinen beiden Freundinnen: Holz wurde immer gebraucht und jeden Winter wurde Holz gehauen. Das heißt, man kaufte sich ein Los beim Förster oder einer Holzversteigerung und in diesem abgesteckten Stück Wald konnte man sich das von den Holzfällern liegen gelassene Holz heimholen. Daheim wurde es dann gesägt, gespalten und aufgeschichtet zum Trocknen. Natürlich gab es auch Meterholz zu kaufen, aber das war teurer und nicht so ausgiebig. Vor jedem Haus stapelte sich ein großer Holzhaufen, davor stand ein Hackklotz. Die kleinen Äste, die sogenannten Prügele, konnten die größeren Kinder schon durchspalten – das war dann ihre Arbeit. Und wie jedes Frühjahr lag ein riesen Haufen Holz im Hof, auch bei meinen beiden Freundinnen. Nur – der eine Haufen lag hinten im Hof, der andere vor dem Haus. Die eine spaltete lustlos vor sich hin – vorne, die andere langweilte sich im Hof und der Stapel Holz wollte und wollte nicht weniger werden. Da kam einer der Gedanke, man könnte das auch zusammen machen. Eine schiebt den Prügel nach und die andere hackt zu. Und gleich gings los! Hei, das lief wie am Schnürchen, das ging zack-zack und mit beiden Händen das Beil umfassen, da hat man gleich viel mehr Kraft. Das war ein flottes Schaffen bis – ja bis einmal das Beil an einer Astgabel absprang und der andern auf die Finger. Da war der Spaß vorbei. Im Stall hatten wir damals noch kein Wasser, so wurde das Vieh zum Tränken an den Brunnen getrieben. Da mussten wir Kinder mit und aufpassen, dass keines wegrennt. Überhaupt waren wir mit unseren Tieren sehr verbunden, schließlich waren wir auf sie angewiesen. Es war immer sehr bedrückend, wenn man Unglück im Stall hatte, eine Kuh krank war oder ein Kälbchen tot geboren wurde. Das hat uns immer tief getroffen. Uns Kindern wurde, je nach Alter, ein Rind oder Kalb anvertraut, das wir zu putzen und zu striegeln hatten. Das hat uns sehr verbunden. Ich weiß noch gut, dass ich, wenn ich Kummer hatte, keiner mich verstand, oder womöglich zu Unrecht bestraft wurde, ich zu "meinem Kälbchen" ging, es umarmte und ihm alle meine Kümmernisse erzählte. Es hat so geduldig zugehört und zu meinem Erstaunen öfters den Kopf geschüttelt.

Freizeitvergnügen

Im Winter hatten wir, wenn es auch nur ein bisschen gefroren war, immer eine "Schleifets". Es war noch nicht kanalisiert und das Abwasser lieft in einer Kandel (Rinne) den Berg hinunter, wo es dann in einen Kanaldeckel floss. Diese Rinne war immer schnell zugefroren und wir konnten auf dem Schulweg ganz runter schleifen. Im Sommer, wenn es einige Zeit nicht regnete und auch die Jauche von den Misten übervoll waren, lief die Brühe auch in die Kandel, dann war das natürlich eine stinkende Brühe! Wir liefen meistens barfuß, wenn es dann regnete und sich Staub und Schlamm in der Rinne ablagerten, war das Waten durch die Rinne ein Hochgenuss! Es war ein schönes Gefühl, wenn sich der Schlamm zwischen die Zehen durchzwängte und wir genossen das ausgiebig. Im Winter hatten wir immer Schnee, den strengsten und längsten Winter erlebten wir 1942/43. Eine Tante von uns besuchte uns ab und zu natürlich auch um Nahrungsmittel zu ergattern, so etwa wenn geschlachtet wurde und wenn ihre Eier ausgingen. In diesem Winter war es bitterkalt und sie wollte wegen der Eier kommen. Meine Großmutter beauftragte mich, ihr einen Brief zu schreiben. Des Schreibens war ich noch nicht sehr vertraut und hatte bislang noch keinen Brief geschrieben, deshalb diktierte mir meine Großmutter, was ich schreiben soll. Später als ich schon erwachsen war, zeigte mir meine Tante das Briefle. Da hieß es: "Liebe Tante, Du brauchst nicht zu kommen, wir haben keine Eier, den Hühnern ist der Arsch zugefroren." Unser Freizeitvergnügen im Winter war natürlich das Schlittenfahren. Gelegenheit gab es genug und auch genug Schnee. Am tollsten war es, wenn wir einige Schlitten zusammenbanden und sich vorne jemand draufsetzte mit Schlittschuhen und dann die ganze Kolonne lenkte. Da starteten wir oben auf der Wilhelmshöhe, rasten hinunter bis zum damaligen "Grünen Baum" (heute Kreisverkehr), dann ein Stück die Stuttgarter Straße entlang. Schwung hatten wir genug und Autos fuhren wenig und wenn kamen sie langsam vorwärts, es war ja nicht gestreut. Dann ging's das Klosterbergle runter durch den ganzen Klosterhof bis hinten zur damaligen Jugendherberge (Klostermühle). Die größte Gefahr war der Engpass an der Ecke zum Paradies. Da hat sich mancher Blessuren geholt, vor allem bei Glatteis. Aber für uns war es ein Riesenspaß. Schlittschuhfahren konnte man bald. Nach ein paar Nächten mit Minusgraden war der Rossweiher schnell zugefroren. Meist gab es dort Spiegeleis, man konnte die Gewächse und Gräser unter dem Eis sehen, das war schön, hatte aber seine Tücken, es war sehr glatt! Unsere Schlittschuhe waren sehr primitiv, richtige Absatzreißer. Sie hatten hinten und vorne richtige Zacken, die man mit Hilfe eines Schlüssels oder auch mit einem Nagel an die Schuhe festmachte. Oft hielten die Schuhe das nicht aus und so kam es vor, dass der Absatz oder sogar die ganze Sohle am Schlittschuh hing und sich selbständig machte. Da war der Spaß vorbei, denn Schuhe gab es keine zu kaufen, es war ja Krieg und man bekam nur 1 Paar Schuhe im Jahr auf Bezugsschein. Auf dem Rossweihersee wurde im Winter auch Eis gebrochen. Das wurde gebraucht für den Eiskeller der Brauerei (hinter jetziger Volksbank). Die Männer haben das Eis in Stücke gesägt, etwa 1 Meter lang und vielleicht 30 cm dick, dann auf ein Pferdefuhrwerk geladen und in dem sehr tiefen Keller gelagert, um das Bier kühl zu halten. Da haben wir manchmal zugeguckt, mein Vater war auch dabei und hat sich somit ein paar Pfennige verdient. Wenn die Männer weg waren, hat für uns der Spaß angefangen. Beim Durchsägen des Eises gab es etliche Brocken, die liegen blieben. Die schwammen dann an der Oberfläche. Auf denen haben wir Fangerles gemacht. Wir hüpften von einer Scholle zur anderen, was sehr waghalsig war, aber ein großes Vergnügen! Natürlich ging es auch mal daneben und wir wurden patschnass! Im Sommer war natürlich der Tiefe See der Anziehungspunkt. So oft es ging, tummelten wir uns im Wasser. Die Maulbronner brauchten nichts zu bezahlen. Die damalige Bademeisterin Frau Walter kannte ja alle Maulbronner, da brauchte man sich nicht ausweisen, sie hatte auch den Bootsverleih unter sich, aber ich glaube schwimmen konnte sie nicht. Allerdings wurden wir ziemlich eingespannt in der Heu- und Erntezeit, da freuten wir uns auf den Abend, wo wir uns dann im See erfrischen konnten. Überhaupt war viel los, der See war sehr begehrenswert. Da gab es eine Verordnung, dass die Maulbronner sonntags den See meiden sollen, um den Auswärtigen den Vortritt zu lassen, auch weiß ich noch, dass wir, bevor wir ins Wasser gingen, unser Handtuch auf der Liegewiese ausbreiteten und uns so einen Platz auf der Wiese sicherten. In der Badezeit war immer alles proppevoll. Auch gab es ein einfach gezimmertes Holzhaus, in dem man sich umziehen konnte. Mitten durch ging ein Holzverschlag; war also halbiert. Auf der einen Seite stand "Mädchen", daneben "Buben". So langsam kamen wir in das Alter, in dem wir uns fragten: "Warum eigentlich die Abgrenzung?" Daheim waren wir auch zusammen. Die große Neugier plagte uns, zu erfahren, was es "drüben" Interessantes gab. Was haben wir für Anstrengungen gemacht, um da rüber gucken zu können. Die Neugier muss auf der anderen Seite genauso groß gewesen sein, denn auch sie wollten sehen, was sie nicht sehen sollten. Die Bretter waren alle roh zusammengenagelt – mit vielen Aststellen. Da haben wir so lange gebohrt, bis wir so ein Astloch herausbrechen konnten. Aber die "Buben" waren noch eifriger; sie hatten vor uns schon ein Guckloch. Es gab oft ein großes Gezeter, wer an das Loch ran darf. Es war äußerst spannend, wenn sich gerade ein Bub umzog und nackt dastand - da wollten alle ran. Auch die drüben hatten ihre Gucklöcher. Da waren wir mächtig auf der Hut beim Umziehen, dass wir nicht im Blickfeld waren. Sonst wäre drüben ein höhnisches Gelächter ausgebrochen. Eine Toilette (Abort) gab es auch; es stand etwas abseits: Ein einfaches Häusle aus Holzbrettern. Es waren waagerecht ein paar Bretter mit einer runden Öffnung angebracht, wo man daraufsitzen konnte. Hier gab es tausende von Mücken und sonstiges Ungeziefer, die sich da vergnügten; und erst der Gestank! Nein, da konnte man sich nicht aufhalten. Auf dem Weg zum See mussten wir am Bonnet‘schen Anwesen vorbei. Da standen meistens die Türen zu den Ställen offen, auch die vom Farrenstall. Wir hatten mächtig Angst, die Bullen könnten sich mal losreißen und auf uns losgehen, die sahen immer so gefährlich aus. Und Gänse gab es auch. Die waren besonders heimtückisch. Wenn sie auch friedlich in einer Ecke standen und wir oft schon vorbei waren, kam so ein Gänserich hinterhergezischt und erwischte mit seinem langgezogenen Hals und seinem spitzen Schnabel dann doch noch einen Rockzipfel. Aber was noch schlimmer war, wenn er die Waden erwischte. Das war schmerzhaft! So war der Gang dort vorbei immer ein Risiko. Zum See hinunter gab es vom Schafhof aus Stufen, das war eine schöne Abkürzung, dann nur über die Straße und so waren wir in ein paar Minuten am See. Meine Mutter erzählte mir, dass sie anstelle eines Badeanzuges Kittelschürzen trugen. Die brauchten nicht erst gekauft zu werden, die trug jedes beim Schaffen. Man hat die Schürzen wie üblich hinten mit den Bändern zusammengebunden und ab gings ins Wasser. Wenn auch der untere Teil der Schürze oben schwamm, beim Herausgehen schmiegte er sich an den nassen Körper an. War ich doch froh, dass wir Badeanzüge hatten!

Die Kleidung "von früher"

Bei unserer Kleidung wurde darauf geachtet, dass man haltbare Stoffe verwendete, damit sie lange getragen werden konnten und auch wenn sie abgetragen waren, fand man immer noch Verwendung, etwa als Flicken oder Putzlappen. Oft wurde aus einem Frauenrock ein Mädchenkleid genäht. Vielleicht etwas hübsch gemacht mit einem bunten Rüschchen oder Bändchen. So schnell steckte man nichts in den Lumpensack. Das gute Stück wurde vorher nach allen Seiten geprüft, ob man es doch noch für irgendwas verwenden konnte, auch die Knöpfe wurden abgetrennt. Die Stoffe waren aus Baumwolle oder Leinen, letzteres war oft hart und rau. Wenn man die Sachen als Unterwäsche trug, bekam man das gut zu spüren auf der Haut. Auch die selbstgestrickten langen Strümpfe haben oft gekratzt. Die Mädchen- und Damenunterhosen waren für den Winter leicht angeraut und weicher und wärmer. In der Taille war ein Gummizug, ebenso an den Beinen, die sogenannten Pumphosen. Dann trugen die Mädchen über dem Hemd ein aus Baumwolle gestricktes Leibchen, an das jeweils an der Seite ein Knopf angenäht wurde. Daran hat man ein breites Gummiband mit Knopflöchern angeknipst und die Strümpfe eingehängt, dass sie nicht runterrutschten. Im Winter trug man ein Wollkleid und Weste drüber, oder wenn es kälter war, einen Mantel. Die Buben trugen Pullover, aber keine langen Hosen. Gefroren hat man immer. Die Männer trugen bunte Baumwollhemden mit einem kleinen Stehbund und lange Hosen aus kräftigem Drill (Leinen-Baumwollgemisch) und immer Hosenträger. Beim Schaffen hatten auch sie immer eine Schürze um, die ließen sich leichter waschen und konnten deshalb öfters gewaschen werden. Wenn man "in die Stadt" ging, band man sich eine frische Schürze um oder sie wurde abgenommen. Bei Feierlichkeiten wurde ein weißes Hemd mit extra gestärktem Kragen angezogen und natürlich eine feine Hose. Im damaligen Gesangverein, als Musiklehrer Haasis den Chor dirigierte und meist geachtete Männer im Verein sangen, war es Voraussetzung, dass man mit einem guten Hemd und gut gekleidet zur Chorprobe erschien. Da kam der Spitzname auf "Stehkragenverein". Unser Vater hat auch gerne mitgesungen, aber des Öfteren musste er hören: "Du stinkst nach Stall." Die Prozedur bis er sich frisch gemacht und auch den blöden Kragen, der nur hinderte, angemacht hatte, und das alles an einem gewöhnlichen Werktag, wo man so viel zu schaffen hatte, das war ihm doch zu aufwendig und er blieb weg. Die Frauen trugen meist weite Röcke mit tiefen Taschen, wo man so allerhand reinstecken konnte. Iim Sommer trugen sie keine Hose drunter. Das war viel einfacher, wenn man auf dem Feld war und austreten musste. Ich hatte selten die passenden Schuhe an. Entweder sie wurden eine Nummer größer gekauft, weil man ja so schnell wächst, oder sie waren viel zu klein. Meistens musste ich die abgetragenen Schuhe und auch Kleider meiner Geschwister anziehen. Wenn die Schuhe zu klein waren, bekam man im Winter Frostbeulen; das war schmerzhaft. Besser war es schon mit den größeren Schuhen, die konnte man vorne mit Stroh ausstopfen. Da war das Barfußlaufen im Sommer ein Vergnügen, wenn es natürlich auch seine Tücken hatte, wenn man in eine Glasscherbe trat. Wenn die Pumphosen von den älteren Frauen an der Leine hingen zum Trocknen, waren das mächtige Monster; überhaupt wenn sie der Wind noch aufgebläht hat. Die Wohnung bei uns oben war eine Zeitlang vermietet an junge Leute. Auch sie hängten ihre Wäsche an die Leine zum Trocknen. Da stand meine Mutter mal davor und bestaunte ein gewisses Dreieck und wußte nicht, dass es ein Slip war. Als ich ihr sagte, dass das ein Unterhöschen sei, meinte sie: "Das reicht ja nachher nicht mal zum Brille putzen".

Hygiene und Haushalt

Unseren Eltern gehörte wie schon erwähnt, nur der untere Teil des Hauses. Im oberen Stockwerk war Familie Heinrich Eigentümer und auch der Garten gehörte dazu. Am Gartenzaun entlang standen Pflaumenbäume und auch ihre Miste war gleich daneben. Die Pflaumen waren im Frühsommer schon reif und natürlich fielen die schönsten Früchte auf die Miste. Ungeniert krabbelten wir auf die Miste und sammelten die Pflaumen auf und steckten sie gleich in den Mund. Ans Abwaschen dachten wir nicht. Aber seitdem habe ich nie mehr bessere und köstlichere Pflaumen gegessen! Mit der Hygiene, mit dem Waschen nahm man es nicht so genau. Nur in der Küche war ein Wasserhahn. Der Ausguss war aus einem Natursandstein gehauen mit einer Öffnung als Abfluss, da hat es im Winter mächtig reingezogen und bei Frost auch gleich angefroren. Auf dem Herd hat man gekocht, natürlich mit Holzfeuerung, da war ein "Schiff" eingelassen, das ist ein mit Wasser gefüllter Behälter, also warmes Wasser. Meistens haben wir uns kalt gewaschen, d.h. eben so über das Gesicht gefahren. Nur wenn wir uns gründlich waschen wollten, nahmen wir von dem warmen Wasser aus dem Schiff und Seife. Samstagabends, wenn alles versorgt war und der Hof gefegt, wurde gebadet. Dazu musste man erst den Waschkessel anheizen und mit Wasser auffüllen. Ein Waschzuber wurde in die Küche gestellt und wir konnten uns nacheinander drin baden und waschen. Aber nicht jeder bekam frisches Wasser! Wenn sich oben eine Schicht bildete, hat man es abgeschöpft und frisches Wasser nachgegossen. Bei einer großen Familie hat sich der "Badespaß" lange hingezogen. Die kleineren Kinder konnte man zusammen reinsetzen, da ging es schneller. Man war ständig beschäftigt mit Holz nachschüren, Wasser nachfüllen und wieder wegtragen und vor allem nachher die Küche putzen! Da war das Stadtbad eine schöne Sache! Da konnte man sich in die schön gesäuberte große Wanne legen und die von der Stadt angestellte Frau hat alles wieder sauber gemacht und für den nächsten nachgefüllt. Erst war es Frau Tischhauer, dann Frau Reutter. Aber eine Wannenbenützung kostete 20 Pfennig, das konnte man sich nicht immer leisten! Der Waschtag war auch mit viel schwerer körperlicher Arbeit verbunden. Am Abend vorher hat man die Wäsche eingeweicht, etwas Imi (Waschpulver- Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „IMI”) darüber gestreut, vorher gesondert in bunt und weiß. Ganz früh am Morgen wurde der Waschkessel angeheizt, die eingeweichte Wäsche mit dem Stampfer durchgestampft, damit der allergröbste Dreck mal raus kommt. Dann musste jedes einzelne Stück ausgewunden und im Waschkessel gekocht werden. Dort musste sie etwa ½ bis 1 Stunde durchkochen, dann mit einem Prügel herausgenommen und in einen Waschzuber befördert werden, wo man sie natürlich mit den Händen möglichst heiß gewaschen, gerieben oder geschrubbt hat. Das war schweißtreibend, die Küche wirklich eine Waschküche. Auch die Finger wurden durchgescheuert und taten höllisch weh! Nach dem Waschen musste die Wäsche gespült werden, die Wäschelauge musste ja wieder raus: also wieder auswringen und im gut warmen frischen Wasser ausspülen. Das musste mindestens drei Mal wiederholt werden, bis das Wasser klar wurde. Dann wurden die Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt. In den letzten Kriegsjahren, aber vor allem nach dem Krieg, als überhaupt nichts lief, gab es auch kein Waschpulver. Da haben wir Holzasche in einen Sack gefüllt, mit kochendem Wasser übergossen, öfters hin und her geschwenkt und haben so eine ganz gute Lauge bekommen. Darin haben wir die Wäsche gekocht und gewaschen! In der Brunnengasse gab es auch ein Waschhaus zusammen mit dem Backhaus. Aber einfacher war das auch nicht, man musste ja das Holz samt Wäsche erst hinkarren. Als dann Familie Baier in der Füllensgasse eine Wäscherei einrichtete, konnte man dort mit Hilfe einer Waschmaschine (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Waschmaschine”) und einer Schleuder seine Wäsche waschen. Was war eine große Erleichterung!

Der Backtag

Samstags war auch Backtag. Da konnte man sich im Gemeindehackhaus anmelden bei Frau Herold (Vorlage:Wikpedia). Früh morgens wurde der Backofen mit Reisigbüscheln gefüllt und angezündet. Wenn alles schön zur Glut abgebrannt war, wurde die Glut zur Seite geschoben und die Brotlaibe eingeschossen. Brot kam immer als erstes dran, es brauchte die größte Hitze. Für das Brot wurde am Abend vorher ein Vorteig gemacht aus Sauerteig (Vorlage:Wikpedia), indem man vom letzten Mal backen etwas zurückbehielt. Dann musste der ganze Teig durchgeknetet werden mit warmen Wasser und Salz. Dann mußte er ruhen bis er doppelt so hoch war. Es wurde für die ganze Woche gebacken und für eine große Familie war das auch eine große Menge Teig, die da durchzukneten war. Das kostete viel Armschmalz! Von dem Teig hat man dann Leibe geformt und in Backkörbe gelegt. Unsere Mutter konnte die Laibe noch auf dem Kopf ins Backhäusle tragen. Man musste ihr nur behilflich sein beim auf- und abnehmen. 8 Laibe brauchten wir meist in einer Woche. Natürlich wurden auch Hefekränze, Kuchen und Brötle gebacken. Der Nächste musste wieder etwas nachschüren, damit die nötige Hitze da war. Wenn dann alle gebacken hatten, konnte man die Ofenwärme noch ausnützen zum Obst dörren oder Gerste rösten. Die geröstete Gerste wurde zum Kaffeekochen verwendet mit Zusatz von Zichorie (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Kaffeeersatz”). Das Backhäusle war natürlich auch ein Treffpunkt zum Schwätzen und zu tratschen gab es immer was.

Die Erntezeit

Dass man es mit der Hygiene nicht so genau nahm, habe ich schon erwähnt. Das war auch kein Wunder, die Arbeiten in Haus, Hof und Stall waren immer mit Mist und Dreck verbunden. Bei der Heuernte (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Heuernte”) gab es viel Staub, vor allem beim Heuabladen. Wir Kinder musste das Heu in die Dachluken stopfen, weil wir besser rankamen. Dann die Hitze unterm Dach – das war oft nicht auszuhalten. Auch die Getreideernte war mühsam. Erst das Mähen mit der Sense bei brütender Hitze, dann das abgemähte Getreide in Garben legen und zusammenbinden, dann wurden die Garben aufgeladen und heimgefahren. Die Arme und Beine waren ganz zerstupft und schmerzten sehr. Und dreckig war man immer. Dazu kam die Plage mit den Bremsen (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Bremsen”). Die Kühe wurden zwar angestrichen mit so einem stinkenden Zeug, um die Bremsen fernzuhalten. Eins von den Kindern musste immer bei den Kühen bleiben, weil sie oft der Mückenplage entfliehen wollten und wegrannten, samt Wagen. Das war gefährlich für den, der oben die Garben gut hinsetzen musste. Aber für die Kinder auch. Sie bekamen einen Wedel oder Zweig, um die Bremsen an den Kühen zu verscheuchen, was auch meist gelang – dann folgen sie auf uns zu und wir waren immer ganz zerstochen!

Bei der Kartoffelernte (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Kartoffel”) war es leichter, obwohl man auch den ganzen Tag in gebückter Haltung verbrachte, um die Kartoffeln aufzulesen. Während der Rübenernte war es schon recht kalt und das Kraut nass. Jede Rübe musste einzeln herausgezogen, gesäubert und das Kraut abgeschnitten werden; dann wurden sie eingefahren und in den Keller getragen. Aber die Obsternte haben wir genossen. Die Bäume wurden geschüttelt und wir lasen das Obst auf und füllten es in Säcke. So einen Apfel zwischendurch zu essen, war ein Genuss! Das meiste Obst wurde für Most (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Most”) gebraucht. Das war ein Getränk für das ganze Jahr über. Der frisch gepresste Saft war ja gut und süß, später schmeckte er uns Kinder nicht mehr so. Die schönen guten Früchte hat man ausgelesen und für den Winter eingelagert.

Wir haben auch Tabak (Die deutschsprachige Wikipedia zum Thema „Tabak”) angepflanzt. Da mussten die Blätter bei der Ernte sorgfältig ausgewählt werden und vorsichtig mit ihnen umgegangen werden. Abends ist man zusammengesessen und hat sich gegenseitig geholfen beim Tabakeinfädeln. Jedes einzelne Blatt musste mit einer großen Nadel, durch die man einen Bindfaden zog, eingefädelt werden. Zum Trocknen wurden die eingefädelten Tabakblätter in Hütten oder Schuppen aufgehängt. Ganz genial hat sich der Fruchtkasten im Klosterhof oder der Eichelboden (letzterer schloss an die ehemalige Jugendherberge an) bewährt. Das Tabakeinfädeln war das Schönste vom ganzen Jahresablauf. Man saß gemütlich beisammen, hat gesungen, Witze erzählt und gelacht. Meistens war auch ein Mundharmonikaspieler oder Akkordeonspielter dabei und natürlich gab es auch was Gutes zu Essen und zu Trinken. Das war wirklich schön! Und so lernten wir auch von den Älteren die Volkslieder, die sogenannten Geschichtenlieder und Moritaten. Beim Tabakverkauf konnte man ein schönes Geld verdienen. Aber einige Jahre nach der Währungsreform nach 1948 wurde der Tabakanbau im großen Stil betrieben. Es hat sich dann für die Nebenerwerbslandwirte nicht mehr gelohnt und der Anbau ist nach und nach zurückgegangen.

Hausierer auf dem Schafhof

In gewissen Abständen waren auch immer Hausierer unterwegs mit allerhand Kurzwaren. Das war oft praktisch. Da konnte man Knöpfe, Faden, Hosengummi und was man so eben brauchte kaufen oder aber auch zum Tausch etwas Eßbares anbieten. Auch der Großvater von dem heutigen Kaufhaus Sämann in Mühlacker (Kaufhaus_Sämann) war noch mit seinem Bauchladen unterwegs und hatte Musterbeispiele von Stoffen dabei. Da konnte man sich was aussuchen und das wurde dann geliefert.

Der Schuttabladeplatz

Müllabfuhr gab es damals noch keine. Jeder hatte in einer abgelegenen Ecke einen Eimer stehen, wo man zerbrochenes Geschirr, Glasscherben und solche Sachen sammelte. Wenn er voll war, leerte man ihn auf den Schuttabladeplatz. Er war gleich hinterm Tiefen See am Anfang des Seidentals, unterhalb vom Seidehof. Die großen Teile warf man einfach runter. Für Bastler war es eine Fundgrube, sie stöberten auf, was noch an Brauchbarem zu finden war. Die Brüder meiner Mutter waren solche Tüftler. Ganze Fahrräder bastelten sie zusammen. So haben auch wir Kinder gebettelt "ach, Onkel mach uns doch ein Radelrutsch (Roller)". Er stierte so lange auf dem stinkenden Schuttplatz herum, bis er die nötigen Teile fand. Dass vorne ein anderes Rädle war als hinten, störte uns nicht. Aber meist war die Begeisterung von kurzer Dauer. Entweder verlor man ein Rädchen oder es ging sonst was kaputt. Wenn es dann wieder gemacht wurde, war die Freude um so größer; war es immer ein Abenteuer und spannend, wie weit und wie lange es hält.

Das erste Motorrad

Im jugendlichen Alter haben sich dann die Buben mit Motorrädern befasst. Ein Freund meines Bruders erwarb ein altes marodes Motorrad. Seinen ganzen Ehrgeiz setzte er ein, um das Ding zum Laufen zu bringen und tatsächlich, es ratterte und stotterte manchmal. Aber seine Hartnäckigkeit lohnte sich, das Fahrzeug kam zum Laufen. Mit Anschieben ging es erst immer rund um die Miste und verbreitete einen mordsmäßigen Krach. Weil sie nur Sonntagnachmittags die Zeit dafür hatten, störte das viele Anwohner und sie schimpften mächtig. Allmählich konnten sie größere Strecken unternehmen. Geld um Sprit zu kaufen hatten sie auch nicht, da wurden die Pfennige zusammengelegt, um 1 oder 2 Liter zu tanken. Die Spender durften dann auch mal mitfahren. Auch wer beim Anschieben half, durfte mal mit draufsitzen. So waren die Beiden auch mal unterwegs, etwa 10 km, da streikte der Karren. Nach vielen Bemühungen und kräftigem Anschieben meines Bruders kam es doch zum Fahren. Überglücklich raste der Fahrer davon! Mein Bruder hinterher, in der Annahme, er wird schon mal anhalten. Aber keineswegs – seinen Freund traf er daheim gemütlich vespernd an. Ahnungslos und erstaunt hörte er sich das Donnerwetter an, das auf ihn prasselte. Bis zur Stunde hatte er in seinem Fahrrausch nicht bemerkt, dass er seinen Freund zurückließ. Aber der Freundschaft tat es keinen Abbruch – sie besteht heute noch und sie haben viele weitere Abenteuerfahrten unternommen.

Die Wohnhäuser

Die Wohnungen waren sehr primitiv. Meist zog sich durch ein Haus der Hausgang (Flur) und hüben und drüben von da aus ging es in die Küche oder in die Zimmer. Der Hausgang war meist mit Sandsteinplatten ausgelegt, oft schon sehr ausgetreten. Die Zimmer hatten Holzfußböden und knarrten oft beim Auftreten, da konnte man sich nicht davonschleichen, da wurde jeder Schritt gehört. Meist wurden die Wände neu geweißelt, also gestrichen und auch das Mobiliar war auf das Notwendigste beschränkt wie Tisch, Stühle und Schrank, vielleicht noch ein Sofa. Im Schlafzimmer schliefen auch die Kinder mit, sie hatten selten ein eigenes Zimmer. Als wir noch nicht zur Schule gingen, schliefen wir zu dritt in einem Bett. Wir nebeneinander und das größere Kind gegenüber. Das war gar nicht so schlecht, man war nie allein und hat den andern gespürt. In der Küche war natürlich der Herd das Wichtigste, der Tisch und dann das große Schüsselbrett. Das war ein offener Hängeschrank, wo man Teller, Schüsseln und Tassen draufstellte. Das Klo teilte man meist mit anderen Familien zusammen. Wenn es da mal einen Engpass gab, war das gar nicht so schlimm, dann ging man eben in den Stall. Das Klo, wir sagten Abort, war ein Kapitel für sich. Über einer Grube waren ein paar Holzbretter festgemacht. In diese wurde ein rundes Loch gesägt, das man mit einem Deckel zudecken konnte. Ich hatte immer Angst, dass ich da mal reinfallen könnte und im Winter war es auch eisig kalt. Die Gruben mussten ja ab und zu geleert werden. Wenn der Winter lang und kalt war, ist alles gleich angefroren von wegen leeren keine Spur. Also türmte sich die Hinterlassenschaft bis oben hin zum Loch. Da musste man dem Gefrorenen vom Vorgänger erst mit dem Beil zu Leibe rücken, um überhaupt draufsitzen zu können. Da ging ich doch lieber in den Stall – und wärmer war es auch.

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