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Ermordung französischer Widerstandskämpfer: Unterschied zwischen den Versionen
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Version vom 25. März 2008, 16:08 Uhr
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Am 30. November 1944 geschah in Pforzheim ein Kriegsverbrechen, das lange tief im Schatten der Erinnerung lag: die Ermordung von 25 französischen Widerstandskämpfern der Organisation Réseau Alliance.
Die Vorgeschichte
Réseau Alliance
Ende November 1944 waren 26 Menschen im Pforzheimer Gefängnis eingesperrt, viele von ihnen seit dem 25. Januar 1944 – ohne Klageschrift, ohne Verteidiger, ohne Richter, ohne Urteil. Ihre Familien wussten nichts von ihnen, nicht einmal, ob sie überhaupt noch lebten.
Die Gefangenen gehörten zu Réseau Alliance, einer Gruppe der Résistance, des Widerstands in Frankreich. Sie gehörten zu den Menschen, die nicht unter Besetzung ihres Landes durch Wehrmacht und Nazi-Organisationen leben wollten. Die Opfer der "Blutwoche im Schwarzwald" Ende November 1944 waren Offiziere und Beamte, die das Vichy-Regime des Marschall Pétain, der mit den NS-Besatzern zusammenarbeitete, ablehnten. Sie waren Verkäuferin und Student, Polizist und Priester, Hausfrau und Grafiker, Bäcker, Friseur und Lebensmittelhändler, meist konservativ eingestellt. Diese Gruppe des französischen Widerstands umfasste über 3.000 Mitglieder, geleitet von einer jungen Frau namens Marie-Madeleine Fourcade.
Haupttätigkeiten waren das Auskundschaften von geheimen Rüstungsfabriken in Deutschland, darunter auch in Peenemünde, und von Abschussrampen für V1- und V2-Raketen sowie die Übermittlung von Nachrichten über Truppenbewegungen der Wehrmacht, über Fahrten von Versorgungsschiffen und U-Booten an die Alliierten. Mitglieder der Réseau Alliance stellten falsche Papiere her für politisch Verfolgte oder Juden zur Fluchthilfe oder zum Untertauchen in der Illegalität, halfen Gefährdeten über die Grenzen und unterstützten Familien von Verfolgten oder Inhaftierten. Die Organisation hatte auch Beziehungen zu den Offizieren um Stauffenberg, wusste von den Vorbereitungen des Attentats auf Hitler und konnte Nachrichten über den Kriegsverlauf im Osten an die Westalliierten übermitteln.
Réseau Alliance galt den Nazis wegen ihrer nachrichtendienstlichen Verbindungen zu den Alliierten als gefährlichste Widerstandsgruppe, dementsprechend behandelten die Nationalsozialisten die Menschen, derer sie habhaft werden konnten:
Konzentrationslager Struthof: „Vernichtungsspur verwischen“
Die Gefangenen wurden nach den ersten Verhaftungen im Juni 1943 im Sicherungslager Schirmeck im Elsass eingesperrt, im Block 10 – Terroristen vorbehalten - getrennt von den übrigen Häftlingen, gekennzeichnet durch einen gelben Querstreifen auf der Kleidung, an Rücken und Oberschenkel die Buchstaben "NN" für "NN-Häftlinge", festgenommen bei „Nacht und Nebel". Für sie wie für über 7000 NS-Gegner galt der ausdrückliche Befehl von General Keitel vom Oberkommando der Wehrmacht vom 12. Dezember 1941, ihre „Vernichtungsspur zu verwischen“.
Die KZ-Aufseher zwangen sie mit Schlägen zu den härtesten Arbeiten und verboten, die Kranken und Schwachen ins Krankenrevier zu bringen. Sie durften die Baracke, „Bunker“ oder „Kerker“ genannt, nicht verlassen, die Strafen waren Nahrungsentzug bis zu drei Wochen, bei Verhören gab es sadistische Misshandlungen: Nach einem Monat waren von den ursprünglich 180 französischen NN-Häftlingen noch 70 am Leben. Im Lauf der Jahre 1943 und 1944 verschleppte die Gestapo weitere Mitglieder von Réseau Alliance in das Lager Schirmeck und in Gefängnisse in Baden, je nachdem, wo Platz war. Sie sollten in Torgau bzw. Freiburg abgeurteilt werden. Als jedoch die Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie landeten und die Alliierten von Osten und Westen unaufhaltsam näher rückten, gab es in Torgau und dann in Freiburg keine Gerichte mehr, von denen die schon Vorverurteilten hätten „verurteilt“ werden können. Die Nazis mussten das Lager Schirmeck räumen, doch zuvor machten sie „Ordnung“ in ihrem Sinn:
In einem Kriegsverbrecherprozess 1947 heißt es im Protokoll: "108 Mitglieder von Réseau Alliance wurden am 1. und 2. September [von Schirmeck] ins KZ Struthof gebracht. Zwei Tage später versicherte mir Karl Buck, der Kommandant des KZ Struthof, dass sie alle in Struthof durch Genickschuss getötet worden seien."
Der hier so unbeteiligt Berichtende hieß Julius Gehrum, er war SS-Obersturmführer, Chef der Gestapo in Kehl und – nach der Besetzung 1940 – auch in Straßburg, zugleich Chef der Gegenspionage der Wehrmacht, also "zuständig" für die Mitglieder von Réseau Alliance, der wichtigsten Anti-Nazi-Spionagegruppe in Frankreich.
„Blutwoche im Schwarzwald“
Was Buck in Schirmeck/Natzweiler mit 108 Morden begann, vollendete dieser Gehrum, gedeckt durch Anweisungen von SS-Standartenführer Isselhorst, Befehlshaber der Sicherheitspolizei Süd-West mit Sitz in Straßburg, und SS-Sturmbannführer Schlierbach, an den in den Gefängnissen in Baden inhaftierten Mitgliedern von Réseau Alliance:
Genau am Tag der Befreiung Straßburgs, am 23. November 1944, startete auf der anderen Rheinseite – in Kehl beginnend – Gehrum mit jeweils zwei bis vier „Helfern“ seine mörderische Tour, um die noch lebenden Mitglieder von Réseau Alliance auszulöschen: Das Muster war überall gleich: Der SS-Mann verlangte die Herausgabe von Gefangenen wie bei den neun Morden in Kehl, den zwölf in Rastatt, vier in Offenburg, drei in Freiburg, acht in Bühl und dann am 30. November 1944 den 25 Morden in Pforzheim durch die Verbrecher Gehrum, Brunner, Buchner, Howold (Rowoldt ?) und Irion.
Massaker in Pforzheim am 30. November 1944
Morgens um 5 Uhr riss ein Wächter die 26 Gefangenen von Réseau Alliance im Gefängnis an der Rohrstraße aus dem Schlaf: „Schnell, ihr werdet weggehen, richtet euer Gepäck !“ Im Gefangenenbuch ist vermerkt, dass sie jeweils noch 10 Mark zur Entlassung ausgehändigt bekommen haben. Die Gefangene Yolande Lagrave blieb auf Anweisung des Chefs des Wachpersonals zurück im Gefängnis - siehe unten.
Mit Lastwagen wurden die acht Frauen und 17 Männer in einen Wald gefahren, hoch über der Stadt am Rand des Hagenschießes, und mit vorgehaltener Waffe zu einem Bombentrichter getrieben. Gehrum, der Anführer der Mördertruppe, kannte sich aus, wusste wohl auch von dem Bombentrichter an der Tiefenbronner Straße, stammte er doch aus Tiefenbronn.
Am Rand des Trichters begann das Massaker durch Genickschuss: "Die Nazis hatten davor schon acht der Gefangenen fürchterlich gefoltert: Gebrochene Rippen, zerschlagene Beine, zerschmetterte Kiefer, ausgerissene Augen, so sah die unheilvolle Bilanz der Autopsie aus… Eines der Opfer starb nach dem Bericht, der bei der Exhumierung angefertigt wurde, nicht durch den Schuss, ein anderes Opfer weiblichen Geschlechts hatte beträchtliche Verletzungen im Anus erlitten… Zwei Menschen/Männern gelang während der Schlächterei die Flucht. Einer von ihnen wurde niedergestreckt durch einen Schuss in den Kopf, der zweite wurde verfolgt, wieder festgehalten und zusammengeschlagen. Die Nazis brachen ihm die Wirbelsäule an mehreren Stellen, am Ende zermalmten sie seinen Kopf mit Stößen mit Gewehrkolben" – so im Bericht des Arztes Monoff über die Exhumierung.
Die Mörder gaben sich nicht viel Mühe, ihre Untaten zu verdecken, etwas Erde und Gestrüpp drüber und fertig. Gehrum bezeichnete später seine Taten und seine Verantwortung als "die systematische Zerstörung der Organisation Alliance auf höheren Befehl, dem ich als gehorsamer Beamter gehorchen musste".
Die Mörder und ihre Auftraggeber
Dr. jur. Helmut Schlierbach, SS-Sturmbannführer
Schlierbach (*1913 in Offenbach) trat 1933 in die SS und 1937 in die NSDAP ein. 1939 war er bei der SS-Totenkopfstandarte Thüringen, die das Personal in den Konzentrationslagern stellte. Bis 1942 saß er am Schreibtisch im Hauptamt der Sicherheitspolizei in Berlin, der europaweiten Terrorzentrale. Um weiter in der NS-Hierarchie aufzusteigen, musste er sich „bewähren“: Ab Mai 1942 war er Führer verschiedener Außenkommandos der Einsatzgruppe C, die in der Ukraine fast 100.000 Menschen ermordete und später die Spuren der Massenmorde beseitigte.
Da sich Schlierbach im "Fronteinsatz... bestens bewährt hat" und als "Führer eines Kommandos zur Bekämpfung von Partisanen... die nötige Tapferkeit besitzt" - so in der Beurteilung, wurde er 1943 SS-Sturmbannführer und Leiter der Gestapo in Straßburg. Im Mai 1944 hat "ein Befehl, gekommen aus Berlin und unterzeichnet mit Schiebart [Schlierbach], das endgültige Todesurteil für alle Mitglieder der Widerstandsgruppe ‚Réseau Alliance’ nach Schirmeck übermittelt." Von Schlierbach stammte der Befehl, am 1. und 2. September 1944 über 100 NS-Gegner in Schirmeck zu ermorden – so die Staatsanwaltschaft in dem vergeblichen Wiederaufnahmeverfahren 1977. Buck, Mörder im KZ Natzweiler, und Gehrum, Mörder in Pforzheim, nannten Schlierbach als denjenigen, der die "systematische Vernichtung von Réseau Alliance" befahl, und damit auch die 25 Morde am 30. November 1944 in Pforzheim.
1946 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht in Düsseldorf wegen der Ermordung britischer Fallschirmjäger in den Vogesen zu zehn Jahren Zuchthaus, aber schon 1952 kam er frei. Das Bundesjustizministerium erkannte ihn als "Spätheimkehrer" an und machte somit den Täter zum Opfer. Zwar verurteilte ihn ein Militärgericht in Metz 1954 wegen der Morde in Schirmeck in Abwesenheit zum Tode, doch die BRD lieferte ihn nicht aus. Spätere Bemühungen der Justiz in der BRD blieben unwirksam: Da es keine schriftlichen Befehle gab, konnte Schlierbach 1961 bei einer Vernehmung sagen: "...ich kann mich heute nicht erinnern... mir ist nicht in Erinnerung... hatte damit nie zu tun... mir ist nie bekannt geworden... ich weiß auch nichts davon..." Schlierbach starb am 21. März 2005, geehrt mit einer Todesanzeige in der FAZ durch den Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen für sein "außergewöhnlich großes persönliches Engagement.. Verantwortungs- und Pflichtgefühl..." und seine "menschliche Haltung".
Dr. jur. Erich Isselhorst, SS-Sturmbannführer
Isselhorst (*1906 in St. Avold) trat 1932 in die NSDAP ein und war von 1936 bis 1940 Gestapo-Chef in Köln. Ab 1942 war er Führer eines Einsatzkommandos bei der Einsatzgruppe A in der UdSSR, die fast 250 000 Juden, Widerstandskämpfer und "Verdächtige" ermordete. Ab Januar 1944 war Isselhorst Befehlshaber des SD und der Sicherheitspolizei Südwest in Straßburg. Ob er an den über 100 Morden von Réseau Alliance – Mitgliedern Anfang September 1944 direkt beteiligt war, ist ungeklärt; mitverantwortlich dafür war er: Buck, Kommandant von Schirmeck, hatte 1945 ausgesagt, den entsprechenden Befehl von Schlierbach erhalten zu haben (der wiederum Isselhorst unterstand). Am 27. November 1944 leitete Isselhorst selbst die Ermordung von vier Frauen von Réseau Alliance in Offenburg. Laut Aussage von Gehrum gab Isselhorst den Befehl für die Massaker Ende November 1944, also auch für die 25 Morde am 30. November 1944 in Pforzheim. Isselhorst wurde 1945 nur deshalb entdeckt, weil er für seine Tätigkeit Rentenansprüche stellte. 1946 verurteilte ihn ein britisches Militärgericht in Wuppertal für die Ermordung britischer Kriegsgefangener zum Tode und lieferte ihn an Frankreich aus. 1947 verurteilt ihn ein Militärgericht in Metz für die über 100 Morde in Schirmeck zum Tode, 1948 wurde das Urteil vollstreckt.
Julius Gehrum, SS-Obersturmführer
Siehe Artikel Julius Gehrum
Gedenken
Erst seit 1996 erinnern an der Rheinbrücke Kehl/Straßburg zwei Denkmale an die Opfer der Widerstandsgruppe Réseau Alliance, seit 2002 hängt eine Gedenktafel am Gefängnis in Bühl zu Ehren der dort vor ihrer Ermordung eingesperrten Widerstandskämpfer.
Am 25. Januar 2007 wurde in Pforzheim ein Gedenkstein für die 25 Ermordeten von Réseau Alliance enhüllt. Der Stein mit den Bildern und Namen der Ermordeten steht im Süden der Stadt an der Tiefenbronner Straße am Waldrand bei der Bus-Haltestelle Fachhochschule/Wildpark in der Nähe des Ortes im Hagenschieß, an dem das Verbrechen geschah.
Der Text auf der Tafel lautet:
Zum Gedenken
Am 30. November 1944 wurden im Hagenschieß 25 Mitglieder der französischen Widerstandsgruppe "Réseau Alliance" von der Gestapo durch Genickschuss umgebracht und in einem Bombentrichter verscharrt. Es handelt sich um 7 Frauen und 18 Männer im Alter von 21 bis 68 Jahren, Menschen, denen der Kampf für Freiheit, Gleichstellung und Frieden mehr bedeutete als das Leben. Ihr Leiden führte mit zur Entstehung eines erneuerten Europas und mahnt uns zum Weg der Versöhnung und zum Frieden.
Aus Briefen der Überlebenden Yolande Lagrave
Yolande Lagrave hat als Einzige das Massaker am 30. November 1944 in Pforzheim überlebt. Sie schrieb am 16. Juli 1945 an Frau Gillet, die Schwester von Marie Gillet:
"Madame,
ich kannte Fräulein Simottel und Frau Gillet seit unserer Abfahrt aus dem Gefängnis in Fresnes, sie waren voller Mut und Zuversicht... wir haben oft zusammen gebetet, Fräulein Simottel hoffte immer auf den Beistand der Heiligen Jungfrau, sie betete den Rosenkranz, wir richteten jeden Abend ein Gebet an Maria, sie möge uns beschützen. Sie sind nun tot, großartige französische Bürgerinnen und Märtyrerinnen – dieses entsetzliche Ende hat mich überaus bestürzt, ich höre nicht auf daran zu denken, ich bekomme diesen Alptraum nicht aus dem Kopf, der für meine Leidensgenossen so tragisch endete.
Am 24. Januar 1944 sind wir aus Fresnes [Anm.: Gefängnis Paris-Nord] weggefahren, ich erinnere mich, das war ein Montagmorgen. In den riesigen Gängen des Gefängnisses wurden wir nebeneinander in einer langen Reihe aufgestellt, es herrschte Sprechverbot, wir gingen zu den Waschräumen zu einer dilettantischen medizinischen Untersuchung. Hier habe ich Frau Gillet gesehen mit ihrem großen blauen Krankenschwestern-Umhang und Fräulein Simottel mit einem schwarzen Mantel. Wir sind dann jeweils zwei in eine Zelle gekommen. Ich fand mich wieder mit Fräulein Simottel, die versuchte, eine Brosche zu verstecken, eine Kamee, ich erinnere mich genau, ein Schmuckstück, an dem ihr viel lag. Dann sind wir die unendlichen Gänge des Gefängnisses entlanggegangen – Fresnes! Wir stiegen hinauf, wieder hinunter, wieder hinauf, warteten vor einem Büro, man gab uns unsere Sachen und auf dem Hof erwarteten uns Zellenlastwagen für den Transport. Je zwei in einem „Abteil“, ohne Licht und frische Luft durchquerten wir Paris und befanden uns dann am Gare de l’Est.
Der Zug fuhr am Abend ab, wir sind die ganze Nacht gefahren und um sieben Uhr am Morgen waren wir in Straßburg. Eine Gruppe der Gestapo führte uns ab und in einer ihrer Verwaltungszentralen, einem herrlichen Gebäude (Anm.: das der jüdischen Gemeinde in der Rue Sellenick Nr. 11, 1940 von der Gestapo beschlagnahmt) warteten wir auf ein Zeichen: Was machen wir hier? Wohin gehen wir? Jede war mit sich selbst beschäftigt.
Endlich um neun Uhr (abends) nahmen uns wieder Lastwagen auf und brachten uns an einen unbekannten Ort, von dem wir erst später wussten, dass es Pforzheim war!
Wir waren nun am 25. Januar in Deutschland – zuerst kamen Fräulein Simottel und Frau Gillet in eine Zelle, dann fehlte es an Zellen, so sperrte man sie mit Frau Premel und Frau Le Bacquet, Mutter und Tochter, zusammen. Auf diese Weise befanden sie sich neben mir, Zelle 11 und meine Zelle 12 – wir verständigten uns durch Klopfzeichen an der Mauer. In den ersten Tagen ging Frau Gillet ans Zellenfenster, weil sie sehr überrascht war, Männer beim Hofgang zu sehen, sie wollte wissen, ob ihr Mann und ihr Schwiegervater sich auch darunter befänden. Immer wieder hat sie nachgeschaut, hat sie aber nie gesehen, da sie nicht im Gefängnis in Pforzheim waren (Anm.: sie wurden am 1. September im KZ Struthof ermordet). Das beunruhigte sie sehr, wo waren sie? Sie dachte auch an ihre kleine Tochter, die sie hatte zurücklassen müssen, armes kleines Kind, das nun ohne Eltern war!! – Das Essen war entsetzlich wenig, wir aßen, weil wir durchhalten wollten, wertlose Suppe, Steckrüben, verfaulte Erbsen, schimmeliges Brot, einmal in der Woche ein Stückchen Margarine und Wasser... Wasser... wir „aßen“ Wasser, unsere Mägen wurden auf eine harte Probe gestellt, weil sie nichts bei sich behalten konnten. Unsere Mägen wiesen alles zurück, was wir aufnahmen, zumindest bei einer Kameradin und mir, und unsere Eingeweide machten uns krank... Unsere Beschäftigung war nicht schwer, wir arbeiteten viel, das schützte uns davor, all zu sehr nachzudenken, weil trotz allem die Zeit sich unendlich hinzog!
Liebe Madame, wir haben gelitten, sie waren manchmal hart, wir wurden manchmal terrorisiert, an anderen Tagen war es ruhig, wir sangen Volkslieder, Kirchenlieder, wir befürchteten das „Ende“, das geschehen würde, wenn man sich verloren glaubt."
Am 20. Juni 1945 schreibt Frau Lagrave an die Tochter der ermordeten Suzanne Chireix über den 30. November 1944:
"Es war am Morgen um fünf Uhr, als der Chef des Wachpersonals in unsere Zelle gekommen ist; wir schliefen, wir sind plötzlich aufgewacht und er sagte uns auf deutsch: ‚Schnell, schnell, ihr werdet weggehen, richtet euer Gepäck !’ Noch im Halbschlaf fragten wir uns, was nun geschehen würde, und wir fünf, Suzanne, Rosy, die kleine Belgierin, die deutsch sprach, Französin nach ihrer Heirat, Clara Machtou aus Brest, 26 Jahre alt, Alice Coudol, 21 Jahre alt und aus Brest und ich, wir bereiteten uns vor, zitternd und in Eile, und sofort warnten wir unsere Gefährten von der Nachbar-Zelle, was geschehen war... Suzanne sagte mir: ‚Wir werden heute hinausgehen, um das Fest des Heiligen Andreas zu feiern, erinnern wir uns doch an diesen Tag’ (Anm.: in katholischen Regionen findet in dieser Nacht ein Umzug statt). Dann, kurz danach, als der Chef des Wachpersonals zurückgekehrt war, erklärte er: ‚Lagrave geht nicht hinaus, Sie bleiben hier ’... Warum ich geblieben bin? Ich weiß das ganz einfach nicht..."
Am Ende des Briefes an die Schwester von Marie Gillet schreibt Yolande Lagrave:
"Nun, sie wurden Opfer dieses befürchteten Endes – ohne dieses alles, trotz des Wartens, trotz der schlechten Nahrung, trotz unseres Elends haben wir daran festgehalten, dass wir Frankreich wiedersehen wollen, unser Vaterland, unsere Heimat, unsere Freunde, all das, was uns lieb und teuer war. Yolande Lagrave"
Quellen
- Archiv „Souvenir Francais“ Strasbourg
- Association Amicale « Alliance » (HRSG), "Mémorial de L’Alliance", Paris, o.J. (1948)
- Bundesarchiv (Außenstelle Ludwigsburg): B114 AR-Z 67/67; B 162/21388-21390; B 162/5660 ; B 162/330
- M.-M. Fourcade: L’Arche de Noé, Réseau ALLIANCE, 1940-1945. Paris, 1968
- Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich, Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt/Main, 2003
- Pforzheimer Kurier vom 30.11.2004, 30.11.2007, 24.1.2008 und 26.1.2008
- Pforzheimer Zeitung vom 26.1.2008
- Stadtarchiv Pforzheim (Fotoarchiv)
- Elisabeth und Francois Stosskopf: Jaques Camille Louis Stosskopf, 1898–1944. Sarreguemines, 2000