Nächstes Stadtwiki-Treffen für alle Interessierten: Montag 5. Oktober, 18 Uhr in der EngagementWerkStadt
Zur Anmeldung als Teilnehmer bitte E-Mail mit Nennung des gewünschten Benutzernamens an: E-Mail: pfenz![]()
mail.de
Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg: Unterschied zwischen den Versionen
DtRusG (Diskussion | Beiträge) |
K SMW-Auszeichnungen zum Jahrestags des deutschen Überfalls auf die SU am 22.06.1941 hier nicht geeignet, da das Thema des Artikels, Zwangsarbeit im 2. WK, nicht an diesem einen Tag stattfand |
||
| (2 dazwischenliegende Versionen von 2 Benutzern werden nicht angezeigt) | |||
| Zeile 1: | Zeile 1: | ||
==Zwangsarbeit in Pforzheim während des 2. Weltkriegs== |
==Zwangsarbeit in Pforzheim während des 2. Weltkriegs== |
||
In den Arbeitsamtbezirk Pforzheim kamen mehr als 5000 ausländische Arbeitskräfte |
In den Arbeitsamtbezirk [[Pforzheim]] kamen mehr als 5000 ausländische Arbeitskräfte.<ref>[https://www.pforzheim.de/stadt/stadtgeschichte/gedenken-friedenskultur/zwangsarbeit.html ''Zwangsarbeit in Pforzheim im Zweiten Weltkrieg''], Gedenk- und Dokumentationsseite auf der Webpräsenz der Stadt Pforzheim</ref> Die zahlenmäßig größte Gruppe stammte aus der Sowjetunion und Polen – weit mehr als 4000 Personen. |
||
===Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion im 2. Weltkrieg=== |
===Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion im 2. Weltkrieg=== |
||
Am [[ |
Am [[22. Juni]] [[1941]] wurde die Sowjetunion trotz des Nichtangriff-Vertrags zwischen Hitler und Stalin von deutschen Truppen überfallen. – Das «Unternehmen Barbarossa» hatte von Beginn an das erklärte Ziel, die Bevölkerung zu vernichten – durch Hunger und Verschleppung zur Zwangsarbeit. Die sowjetischen Zwangsarbeiter*innen kamen aus verschiedenen Gebieten des heutigen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine; viele stammten aus Galizien – dem Gebiet, das mal zu Österreich, mal zu Polen oder zu Russland/Sowjetunion gehörte, und dann – nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – von Deutschland besetzt war. |
||
===Leben und Alltag der Zwangsarbeiter*innen in Pforzheim=== |
===Leben und Alltag der Zwangsarbeiter*innen in Pforzheim=== |
||
Die aus der Sowjetunion deportierten Menschen wurden zunächst auf dem Gelände der Firmen untergebracht, mussten aber nach Fertigstellung in das '''Ostarbeiterlager am Brötzinger Talweg''' umziehen. Dort lebten sie in Baracken von 54 qm mit bis zu 34 Personen, d.h. dem einzelnen Menschen standen keine 2 qm zu. |
Die aus der Sowjetunion deportierten Menschen wurden zunächst auf dem Gelände der Firmen untergebracht, mussten aber nach Fertigstellung in das '''Ostarbeiterlager am Brötzinger Talweg''' umziehen. Dort lebten sie in Baracken von 54 qm mit bis zu 34 Personen, d.h. dem einzelnen Menschen standen keine 2 qm zu. |
||
Auch in der |
Auch in der [[Gaststätte Kupferhammer (Pforzheim)|Gaststätte „Kupferhammer“]] wurde 1942 durch die Firma Lutz&Weiss ein Lager für bis zu 90 Zwangsarbeiterinnen aus Russland und der Ukraine eingerichtet. In 12-stündigen Tag- und Nachtschichten mussten sie am [[Turnplatz]] in der Fabrikation für Zünder arbeiten. |
||
Durch den Aufnäher OST, der sichtbar auf der Jacke getragen werden musste, waren sie als minderwertig stigmatisiert. In den Fabriken arbeiteten sie mit Pforzheimer*innen Seite an Seite, durften aber nicht mit ihnen in Kontakt treten. Dieses Verbot war eines von vielen, dass die sogenannten '''„Ostarbeitererlasse“''' und '''„Polenerlasse“''' festlegten; sie regelten u.a. die Zuteilung von Lebensmitteln, die extrem reduziert war. „Die Rationen und die Qualität des Essens, das zum Teil zu 40-50% aus Abfällen bestand, schwächte die Menschen so sehr, dass bald Krankheit und Auszehrung in vielen Betrieben die „Ostarbeiter“ arbeitsunfähig machten …“ |
Durch den Aufnäher OST, der sichtbar auf der Jacke getragen werden musste, waren sie als minderwertig stigmatisiert. In den Fabriken arbeiteten sie mit Pforzheimer*innen Seite an Seite, durften aber nicht mit ihnen in Kontakt treten. Dieses Verbot war eines von vielen, dass die sogenannten '''„Ostarbeitererlasse“''' und '''„Polenerlasse“''' festlegten; sie regelten u.a. die Zuteilung von Lebensmitteln, die extrem reduziert war. „Die Rationen und die Qualität des Essens, das zum Teil zu 40-50% aus Abfällen bestand, schwächte die Menschen so sehr, dass bald Krankheit und Auszehrung in vielen Betrieben die „Ostarbeiter“ arbeitsunfähig machten …“.<ref>[https://apps.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/geschichte/auslaendisch/russlandfeldzug/index.html ''Ausländische Arbeitskräfte unter dem Nationalsozialismus - Sowjetische Kriegsgefangene und "Ostarbeiter"''], Das Bundesarchiv, 2010</ref> |
||
Dabei galten die Menschen aus der Sowjetunion in der rassistischen Ideologie des Nazi-Regimes als „Untermenschen“ und waren völlig rechtlos, was sich in den Lebens- und Arbeitsbedingungen zeigte. |
Dabei galten die Menschen aus der Sowjetunion in der rassistischen Ideologie des Nazi-Regimes als „Untermenschen“ und waren völlig rechtlos, was sich in den Lebens- und Arbeitsbedingungen zeigte.<ref>NS-Ideologen unterschieden in absteigender Folge zwischen Deutschen, Skandinaviern, Engländern und Franzosen, Italienern, Polen, Russen, Juden, Roma und Sinti. Russen, Juden, Roma und Sinti wurden zusätzlich noch als „Untermenschen“ entwürdigt.</ref> |
||
Sie durften im Gegensatz zu den „Zivilarbeitern“ aus Westeuropa das Lager nicht verlassen, durften keine öffentliche Veranstaltungen besuchen und körperliche Züchtigung durch das Wachpersonal war erlaubt. Liebesbeziehungen wurden hart bestraft, oft mit Hinrichtung oder Konzentrationslager. Unerlaubtes Verlassen des Lagers hatte zur Folge, dass die Personen mehrere Tage ins Gefängnis gesteckt wurden; so auch im Arbeitsamtbezirk Pforzheim: eine Liste aus Königsbach nennt sieben Frauen und Männer aus Polen und der Ukraine, die 1941/42 „wegen unerlaubten Verlassens des Aufenthalts-, bzw. Arbeitsortes“ mit zwei Wochen Gefängnis bestraft wurden. |
Sie durften im Gegensatz zu den „Zivilarbeitern“ aus Westeuropa das Lager nicht verlassen, durften keine öffentliche Veranstaltungen besuchen und körperliche Züchtigung durch das Wachpersonal war erlaubt. Liebesbeziehungen wurden hart bestraft, oft mit Hinrichtung oder Konzentrationslager. Unerlaubtes Verlassen des Lagers hatte zur Folge, dass die Personen mehrere Tage ins Gefängnis gesteckt wurden; so auch im Arbeitsamtbezirk Pforzheim: eine Liste aus [[Königsbach]] nennt sieben Frauen und Männer aus Polen und der Ukraine, die 1941/42 „wegen unerlaubten Verlassens des Aufenthalts-, bzw. Arbeitsortes“ mit zwei Wochen Gefängnis bestraft wurden.<ref>Gemeindearchiv Königsbach, Dossier 294</ref> |
||
===Weitere Informationen=== |
===Weitere Informationen=== |
||
Ohne die Zwangsarbeiter*innen wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen; sie stellten knapp 50% der Arbeitskräfte in der Industrie und 36% in der Landwirtschaft. |
Ohne die Zwangsarbeiter*innen wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen; sie stellten knapp 50% der Arbeitskräfte in der Industrie und 36% in der Landwirtschaft. |
||
Während des Krieges von 1939 bis 1945 wurden insgesamt mehr als 17 Millionen Männer in die Wehrmacht eingezogen, was zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft führte. Um den Bedarf an Arbeitskräften in der Kriegswirtschaft zu decken, holte das nationalsozialistische Regime Menschen unter Zwang aus den besetzten Ländern ins Deutsche Reich zur Arbeit; in besonderem Maße jedoch aus Polen und ab Herbst 1941 aus der Sowjetunion. |
Während des Krieges von 1939 bis 1945 wurden insgesamt mehr als 17 Millionen Männer in die Wehrmacht eingezogen, was zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft führte. Um den Bedarf an Arbeitskräften in der Kriegswirtschaft zu decken, holte das nationalsozialistische Regime Menschen unter Zwang aus den besetzten Ländern ins Deutsche Reich zur Arbeit; in besonderem Maße jedoch aus Polen und ab Herbst 1941 aus der Sowjetunion. |
||
Im Jahr 1941 waren es 1,2 Millionen Arbeitskräfte. Diese Zahl stieg auf 7,8 Millionen im Jahr 1944; davon kamen ca. 5 Millionen Menschen aus der Sowjetunion und Polen. Insgesamt wurden 13,5 Millionen Menschen ins Deutsche Reich zur Zwangsarbeit deportiert |
Im Jahr 1941 waren es 1,2 Millionen Arbeitskräfte. Diese Zahl stieg auf 7,8 Millionen im Jahr 1944; davon kamen ca. 5 Millionen Menschen aus der Sowjetunion und Polen. Insgesamt wurden 13,5 Millionen Menschen ins Deutsche Reich zur Zwangsarbeit deportiert.<ref>[https://apps.bundesarchiv.de/zwangsarbeit/geschichte/auslaendisch/begriffe/index.html ''Ausländische Arbeitskräfte unter dem Nationalsozialismus - Begriffe, Zahlen, Zuständigkeiten''], Das Bundesarchiv, 2010</ref> |
||
===Nach dem Krieg - Aus »Ostarbeiter*innen« werden sogenannte »Displaced Persons«=== |
===Nach dem Krieg - Aus »Ostarbeiter*innen« werden sogenannte »Displaced Persons«=== |
||
Zwischen dem 6. und 8. April werden die Gemeinden des westlichen |
Zwischen dem 6. und 8. April 1945 werden die Gemeinden des westlichen [[Enzkreis]]es von der französischen Armee besetzt, bis zum 18. April auch Pforzheim sowie alle anderen Gemeinden des Enzkreises. Damit endeten der Krieg und das Unrechtsregime der Nazis. Die Zwangsarbeiter*innen verlassen die Orte. |
||
Als sogenannte „Displaced Persons“ (DPs) wurden sie von den Alliierten in Sammellagern in Karlsruhe, Ettlingen, Bretten, Odenheim und an vielen anderen Orten von den Alliierten registriert. Sämtliche Sammellager waren überfüllt, Tausende aus dem Osten verschleppte Personen fanden sich dort ein, während westliche Zwangsarbeiter sofort ihren Weg in ihre Heimat, nach Frankreich, Belgien, Italien usw. antreten konnten. |
Als sogenannte „Displaced Persons“ (DPs) wurden sie von den Alliierten in Sammellagern in [[Karlsruhe]], [[Ettlingen]], [[Bretten]], Odenheim und an vielen anderen Orten von den Alliierten registriert. Sämtliche Sammellager waren überfüllt, Tausende aus dem Osten verschleppte Personen fanden sich dort ein, während westliche Zwangsarbeiter sofort ihren Weg in ihre Heimat, nach Frankreich, Belgien, Italien usw. antreten konnten. |
||
Nach Rückkehr in den sowjetischen Einflussbereich wurden die ehemaligen „Ostarbeiter*innen“ in Filtrationslagern befragt; sie mussten über ihre Tätigkeiten während der deutschen Besatzung Rechenschaft ablegen; der Vorwurf der Kollaboration stand im Raum. Ob zu Recht oder Unrecht – einigen Rückkehrern wurde der Prozess gemacht, der oft mit dem Urteil „Arbeitslager“ enden konnte. Dazu schreibt die Historikerin Christine Glauning: „Vor allem in der westlichen Literatur ist immer noch zum Teil das Bild verbreitet, die Mehrheit der Heimkehrer in die Sowjetunion wäre Opfer von Hinrichtungen geworden oder in die Gulag eingeliefert worden. Das betraf aber eher Sondergruppen wie Angehörige der Vlassov-Armee, der „Hilfswilligen“ oder kriegsgefangene Offiziere. Der offiziellen Statistik zufolge sind lediglich 6 |
Nach Rückkehr in den sowjetischen Einflussbereich wurden die ehemaligen „Ostarbeiter*innen“ in Filtrationslagern befragt; sie mussten über ihre Tätigkeiten während der deutschen Besatzung Rechenschaft ablegen; der Vorwurf der Kollaboration stand im Raum. Ob zu Recht oder Unrecht – einigen Rückkehrern wurde der Prozess gemacht, der oft mit dem Urteil „Arbeitslager“ enden konnte. Dazu schreibt die Historikerin Christine Glauning: „Vor allem in der westlichen Literatur ist immer noch zum Teil das Bild verbreitet, die Mehrheit der Heimkehrer in die Sowjetunion wäre Opfer von Hinrichtungen geworden oder in die Gulag eingeliefert worden. Das betraf aber eher Sondergruppen wie Angehörige der Vlassov-Armee, der „Hilfswilligen“ oder kriegsgefangene Offiziere. Der offiziellen Statistik zufolge sind lediglich 6,5 Prozent in ein Lager gekommen.“ |
||
Die meisten aber kehrten in ihre Heimat zurück, in ein völlig zerstörtes Land, in dem äußerste Knappheit an Lebensmitteln herrschte. Wieder litten sie Hunger und machten sich dennoch an den Wiederaufbau der von der deutschen Wehrmacht niedergebrannten Dörfer und zerbombten Städte. |
Die meisten aber kehrten in ihre Heimat zurück, in ein völlig zerstörtes Land, in dem äußerste Knappheit an Lebensmitteln herrschte. Wieder litten sie Hunger und machten sich dennoch an den Wiederaufbau der von der deutschen Wehrmacht niedergebrannten Dörfer und zerbombten Städte. |
||
===Weiterführende Literatur=== |
===Weiterführende Literatur=== |
||
* |
* Haller, Christian: „Der ‚Ausländereinsatz‘ in Pforzheim im zweiten Weltkrieg“. 2004 |
||
* Mougel, Nadège: Zwangsarbeiter aus den Vogesen in Pforzheim 1944-1945, hrsg: Stadtarchiv Pforzheim, 2012 |
* Mougel, Nadège: Zwangsarbeiter aus den Vogesen in Pforzheim 1944-1945, hrsg: Stadtarchiv Pforzheim, 2012 |
||
* Becht, Hans-Peter: Das nationalsozialistische |
* [[Hans-Peter Becht|Becht, Hans-Peter]]: Das nationalsozialistische Pforzheim 1933 – 1945, darin das Kapitel: Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit, S. 248ff, hrsg: Stadtarchiv 2016 |
||
* Rudin, Bärbel: Roger, Jean, Marcel, Wasyl und Lydia - Französische Kriegsgefangene, zivile Ostarbeiter und Rußlanddeutsche 1940 - 1945 in Kieselbronn, in: Der Enzkreis, Jahrbuch 6, S. 187 – 199, hrs.: Landratsamt Enzkreis, Kreisarchiv, Pforzheim, 1995 |
* [[Bärbel Rudin|Rudin, Bärbel]]: Roger, Jean, Marcel, Wasyl und Lydia - Französische Kriegsgefangene, zivile Ostarbeiter und Rußlanddeutsche 1940 - 1945 in Kieselbronn, in: Der Enzkreis, Jahrbuch 6, S. 187 – 199, hrs.: Landratsamt Enzkreis, Kreisarchiv, Pforzheim, 1995 |
||
* Riblet-Buchmann, Roger: Unerwartete Begegnung. Als junger Fremdarbeiter in Pforzheim. Darin im Anhang: Becht, Hans-Peter: Der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern in Pforzheim 1940-1945. Ein Rekonstruktionsversuch. in: R. Riblet-Buchmann: Unerwartete Begegnung. (S. 65-103), 1993 |
* Riblet-Buchmann, Roger: Unerwartete Begegnung. Als junger Fremdarbeiter in Pforzheim. Darin im Anhang: Becht, Hans-Peter: Der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern in Pforzheim 1940-1945. Ein Rekonstruktionsversuch. in: R. Riblet-Buchmann: Unerwartete Begegnung. (S. 65-103), 1993 |
||
* |
* Glauning, Christine: „Ostarbeiter im Deutschen Reich“, S. 10 |
||
== Einzelnachweise und Fußnoten == |
|||
<references /> |
|||
[[Kategorie:Krieg]] |
|||
[[Kategorie:Geschichte]] |
|||
Aktuelle Version vom 20. September 2026, 21:27 Uhr
Zwangsarbeit in Pforzheim während des 2. Weltkriegs
In den Arbeitsamtbezirk Pforzheim kamen mehr als 5000 ausländische Arbeitskräfte.[1] Die zahlenmäßig größte Gruppe stammte aus der Sowjetunion und Polen – weit mehr als 4000 Personen.
Zwangsarbeiter*innen aus der Sowjetunion im 2. Weltkrieg
Am 22. Juni 1941 wurde die Sowjetunion trotz des Nichtangriff-Vertrags zwischen Hitler und Stalin von deutschen Truppen überfallen. – Das «Unternehmen Barbarossa» hatte von Beginn an das erklärte Ziel, die Bevölkerung zu vernichten – durch Hunger und Verschleppung zur Zwangsarbeit. Die sowjetischen Zwangsarbeiter*innen kamen aus verschiedenen Gebieten des heutigen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine; viele stammten aus Galizien – dem Gebiet, das mal zu Österreich, mal zu Polen oder zu Russland/Sowjetunion gehörte, und dann – nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 – von Deutschland besetzt war.
Leben und Alltag der Zwangsarbeiter*innen in Pforzheim
Die aus der Sowjetunion deportierten Menschen wurden zunächst auf dem Gelände der Firmen untergebracht, mussten aber nach Fertigstellung in das Ostarbeiterlager am Brötzinger Talweg umziehen. Dort lebten sie in Baracken von 54 qm mit bis zu 34 Personen, d.h. dem einzelnen Menschen standen keine 2 qm zu. Auch in der Gaststätte „Kupferhammer“ wurde 1942 durch die Firma Lutz&Weiss ein Lager für bis zu 90 Zwangsarbeiterinnen aus Russland und der Ukraine eingerichtet. In 12-stündigen Tag- und Nachtschichten mussten sie am Turnplatz in der Fabrikation für Zünder arbeiten. Durch den Aufnäher OST, der sichtbar auf der Jacke getragen werden musste, waren sie als minderwertig stigmatisiert. In den Fabriken arbeiteten sie mit Pforzheimer*innen Seite an Seite, durften aber nicht mit ihnen in Kontakt treten. Dieses Verbot war eines von vielen, dass die sogenannten „Ostarbeitererlasse“ und „Polenerlasse“ festlegten; sie regelten u.a. die Zuteilung von Lebensmitteln, die extrem reduziert war. „Die Rationen und die Qualität des Essens, das zum Teil zu 40-50% aus Abfällen bestand, schwächte die Menschen so sehr, dass bald Krankheit und Auszehrung in vielen Betrieben die „Ostarbeiter“ arbeitsunfähig machten …“.[2]
Dabei galten die Menschen aus der Sowjetunion in der rassistischen Ideologie des Nazi-Regimes als „Untermenschen“ und waren völlig rechtlos, was sich in den Lebens- und Arbeitsbedingungen zeigte.[3] Sie durften im Gegensatz zu den „Zivilarbeitern“ aus Westeuropa das Lager nicht verlassen, durften keine öffentliche Veranstaltungen besuchen und körperliche Züchtigung durch das Wachpersonal war erlaubt. Liebesbeziehungen wurden hart bestraft, oft mit Hinrichtung oder Konzentrationslager. Unerlaubtes Verlassen des Lagers hatte zur Folge, dass die Personen mehrere Tage ins Gefängnis gesteckt wurden; so auch im Arbeitsamtbezirk Pforzheim: eine Liste aus Königsbach nennt sieben Frauen und Männer aus Polen und der Ukraine, die 1941/42 „wegen unerlaubten Verlassens des Aufenthalts-, bzw. Arbeitsortes“ mit zwei Wochen Gefängnis bestraft wurden.[4]
Weitere Informationen
Ohne die Zwangsarbeiter*innen wäre die deutsche Wirtschaft zusammengebrochen; sie stellten knapp 50% der Arbeitskräfte in der Industrie und 36% in der Landwirtschaft. Während des Krieges von 1939 bis 1945 wurden insgesamt mehr als 17 Millionen Männer in die Wehrmacht eingezogen, was zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft führte. Um den Bedarf an Arbeitskräften in der Kriegswirtschaft zu decken, holte das nationalsozialistische Regime Menschen unter Zwang aus den besetzten Ländern ins Deutsche Reich zur Arbeit; in besonderem Maße jedoch aus Polen und ab Herbst 1941 aus der Sowjetunion. Im Jahr 1941 waren es 1,2 Millionen Arbeitskräfte. Diese Zahl stieg auf 7,8 Millionen im Jahr 1944; davon kamen ca. 5 Millionen Menschen aus der Sowjetunion und Polen. Insgesamt wurden 13,5 Millionen Menschen ins Deutsche Reich zur Zwangsarbeit deportiert.[5]
Nach dem Krieg - Aus »Ostarbeiter*innen« werden sogenannte »Displaced Persons«
Zwischen dem 6. und 8. April 1945 werden die Gemeinden des westlichen Enzkreises von der französischen Armee besetzt, bis zum 18. April auch Pforzheim sowie alle anderen Gemeinden des Enzkreises. Damit endeten der Krieg und das Unrechtsregime der Nazis. Die Zwangsarbeiter*innen verlassen die Orte. Als sogenannte „Displaced Persons“ (DPs) wurden sie von den Alliierten in Sammellagern in Karlsruhe, Ettlingen, Bretten, Odenheim und an vielen anderen Orten von den Alliierten registriert. Sämtliche Sammellager waren überfüllt, Tausende aus dem Osten verschleppte Personen fanden sich dort ein, während westliche Zwangsarbeiter sofort ihren Weg in ihre Heimat, nach Frankreich, Belgien, Italien usw. antreten konnten.
Nach Rückkehr in den sowjetischen Einflussbereich wurden die ehemaligen „Ostarbeiter*innen“ in Filtrationslagern befragt; sie mussten über ihre Tätigkeiten während der deutschen Besatzung Rechenschaft ablegen; der Vorwurf der Kollaboration stand im Raum. Ob zu Recht oder Unrecht – einigen Rückkehrern wurde der Prozess gemacht, der oft mit dem Urteil „Arbeitslager“ enden konnte. Dazu schreibt die Historikerin Christine Glauning: „Vor allem in der westlichen Literatur ist immer noch zum Teil das Bild verbreitet, die Mehrheit der Heimkehrer in die Sowjetunion wäre Opfer von Hinrichtungen geworden oder in die Gulag eingeliefert worden. Das betraf aber eher Sondergruppen wie Angehörige der Vlassov-Armee, der „Hilfswilligen“ oder kriegsgefangene Offiziere. Der offiziellen Statistik zufolge sind lediglich 6,5 Prozent in ein Lager gekommen.“
Die meisten aber kehrten in ihre Heimat zurück, in ein völlig zerstörtes Land, in dem äußerste Knappheit an Lebensmitteln herrschte. Wieder litten sie Hunger und machten sich dennoch an den Wiederaufbau der von der deutschen Wehrmacht niedergebrannten Dörfer und zerbombten Städte.
Weiterführende Literatur
- Haller, Christian: „Der ‚Ausländereinsatz‘ in Pforzheim im zweiten Weltkrieg“. 2004
- Mougel, Nadège: Zwangsarbeiter aus den Vogesen in Pforzheim 1944-1945, hrsg: Stadtarchiv Pforzheim, 2012
- Becht, Hans-Peter: Das nationalsozialistische Pforzheim 1933 – 1945, darin das Kapitel: Rüstungsindustrie und Zwangsarbeit, S. 248ff, hrsg: Stadtarchiv 2016
- Rudin, Bärbel: Roger, Jean, Marcel, Wasyl und Lydia - Französische Kriegsgefangene, zivile Ostarbeiter und Rußlanddeutsche 1940 - 1945 in Kieselbronn, in: Der Enzkreis, Jahrbuch 6, S. 187 – 199, hrs.: Landratsamt Enzkreis, Kreisarchiv, Pforzheim, 1995
- Riblet-Buchmann, Roger: Unerwartete Begegnung. Als junger Fremdarbeiter in Pforzheim. Darin im Anhang: Becht, Hans-Peter: Der Arbeitseinsatz von Kriegsgefangenen und ausländischen Zivilarbeitern in Pforzheim 1940-1945. Ein Rekonstruktionsversuch. in: R. Riblet-Buchmann: Unerwartete Begegnung. (S. 65-103), 1993
- Glauning, Christine: „Ostarbeiter im Deutschen Reich“, S. 10
Einzelnachweise und Fußnoten
- ↑ Zwangsarbeit in Pforzheim im Zweiten Weltkrieg, Gedenk- und Dokumentationsseite auf der Webpräsenz der Stadt Pforzheim
- ↑ Ausländische Arbeitskräfte unter dem Nationalsozialismus - Sowjetische Kriegsgefangene und "Ostarbeiter", Das Bundesarchiv, 2010
- ↑ NS-Ideologen unterschieden in absteigender Folge zwischen Deutschen, Skandinaviern, Engländern und Franzosen, Italienern, Polen, Russen, Juden, Roma und Sinti. Russen, Juden, Roma und Sinti wurden zusätzlich noch als „Untermenschen“ entwürdigt.
- ↑ Gemeindearchiv Königsbach, Dossier 294
- ↑ Ausländische Arbeitskräfte unter dem Nationalsozialismus - Begriffe, Zahlen, Zuständigkeiten, Das Bundesarchiv, 2010