Feier mit! 20 Jahre Pfenz!

Jubiläumsfeier am Montag 18.5. 18:30 und Samstag 23.5. 14:00
in der EngagementWerkStadt, Lammstraße — gerne anmelden, oder einfach vorbeikommen!


Zur Anmeldung als Teilnehmer bitte E-Mail mit Nennung des gewünschten Benutzernamens an: E-Mail: pfenzmail.de

Säuberung der Städtischen Volksbücherei Pforzheim 1933: Unterschied zwischen den Versionen

Von PFENZ
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Inhalt gelöscht Inhalt hinzugefügt
Seggel (Diskussion | Beiträge)
+kat
M (Diskussion | Beiträge)
katfix
Zeile 193: Zeile 193:


[[Kategorie:Pforzheim]]
[[Kategorie:Pforzheim]]
[[Kategorie:Geschichte]]
[[Kategorie:Nationalsozialismus]]
[[Kategorie:1930er]]

Version vom 4. März 2010, 20:06 Uhr

Säuberung der Städtischen Volksbücherei Pforzheim 1933

Vorbemerkung

- Es ist nicht bekannt, wann genau 1933 die Streichungen im „Bücherverzeichnis“ der Städt. Volksbücherei Pforzheim durchgeführt wurden und wer sie veranlasst bzw. vorgenommen hat.

- Bei der Bücherverbrennung am 17. Juni 1933 auf dem Pforzheimer Marktplatz brannten auch Werke aus der Volksbücherei.

- Anzunehmen ist, dass diese Streichungen 1933 nur ein Anfang waren, denn insgesamt wurden mehr als 1000 Bücher als „politisch-weltanschaulich untragbar oder literarisch minderwertig“ aus der Städtischen Volksbücherei Pforzheim ausgesondert.

Liste

Folgende Titel sind in einer Liste, die aus dem Jahr 1929/1930 stammt, gestrichen:

Barbusse, Henri, Das Feuer

Barbusse, Henri, Klarheit

Barbusse, Henri, Erhebung

Barbusse, Henri, Kraft u.a. Erzählungen

Baum, Vicky, Stud. Chem. Helene Willfüer

Bebel, August, Aus meinem Leben

Böckheler, N., Christaller, Theodor, Der erste deutsche Reichsschullehrer in Kamerun

Broch, Hermann, Die Schlafwandler (3 Bd.)

Brod, Max, Weiberwirtschaft, Der Bürger und die Frau, Das große Wagnis

Bulcke, Karl, Die drei Trostburgs

Busch, Wilhelm, alles außer Eduards Traum

Busson, Paul, Aschermittwoch

Byr, Robert, (Pseud. für Bayer, Robert von) Sternschnuppen

Byr, Robert, Ein Reiterschwert

Dill, Liesbet, Franziska

Döblin, Alfred, alles außer Wallenstein

Dorgelès, Roland, Die hölzernen Kreuze

Dorgelès, Roland, Das Wirtshaus zur schönen Frau

Dos Passos, John, Drei Soldaten

Düringsfeld, Ida von, Das Buch denkwürdiger Frauen

Ebert, Friedrich, Schriften, Aufzeichnungen, Reden

Ginster (Pseud. für Siegfried Kracauer), Von ihm selbst geschrieben

Glaeser, Ernst, Jahrgang 1902

Glaeser, Ernst, Frieden

Göhre, Paul, Drei Monate Fabrikarbeiter und Handwerksbursche

Gorki, Maxim, Der Spitzel

Gorki, Maxim, Eine Beichte

Hartleben, Otto Erich, Vom gastfreien Pastor

Hasenclever, Walter, Die Menschen

Hirschfeld, Georg, Das Kreuz der Wahrheit

Hirschfeld, Georg, Der Wirt von Veladuz

Hirschfeld, Georg, Die Hände der Thea Sigrüner

Hoffmann, Franz, Erzählungen für die Jugend

Holitscher, Artur, Bruder Wurm

Holitscher, Artur, Geschichten aus zwei Welten

Holitscher, Artur, Lebensgeschichte eines Rebellen

Klabund (i.e. Henschke, Alfred), Borgia, Roman einer Familie

Klabund, Der Kreidekreis

Klabund, Erzählungen

Klinckowström, Agnes von, Zweierlei Ehre

Lassalle, Ferdinand, Biografie von Oncken, Hermann

Lassalle, Ferdinand, Biografie von Schirokauer, Arno

Lissagaray, Prosper, Geschichte der Kommune von 1871

London, Jack, Die eiserne Ferse

London, Jack, Die Zwangsjacke

Ludwig, Emil, Bismarck, Geschichte eines Kämpfers

Ludwig, Emil, Goethe, Geschichte eines Menschen

Ludwig, Emil, Kunst und Schicksal, Vier Bildnisse (Rembrandt, Beethoven, Weber, Balzac)

Mann, Heinrich, alles (8 Titel)

Marcu, Valeriu, Lenin, 30 Jahre Russland

Marx, Karl, Das Kapital

Marx, Karl, Versuch einer Würdigung von Wilbrandt, Dr. R.

Raynal, Paul, Das Grab des unbekannten Soldaten

Reck-Malleczewen, Friedrich, Sif. Das Weib, das den Mord beging

Remarque, Erich M., Im Westen nichts Neues

Remmele, Adam, Staatsumwälzung und Neuaufbau in Baden

Renn, Ludwig, Krieg, Kriegserlebnisse eines Frontsoldaten

Scheidemann, Philipp, Der Zusammenbruch

Scheidemann, Philipp, Memoiren eines Sozialdemokraten

Schoenaich, Freiherr von, Mein Damaskus

Sinclair, Upton, alles (8 Titel)

Suttner, Berta von, Die Waffen nieder

Thiers, A., Geschichte der franz. Revolution

Thiers, A., Geschichte des Konsulats und Kaiserreichs

Wassermann, Jakob, alles außer Kaspar Hauser, Das Gänsemännchen und Die Juden von Zirndorf (11 Titel)

Wedekind, Frank, Frühlings Erwachen

Zweig, Arnold, Frühe Fährten

Zweig, Arnold, Die Novellen um Claudia

Zweig, Arnold, Der Streit um den Sergeanten Grischa

Zweig, Arnold, Pont und Anna

Zweig, Stefan, Die Verwirrung der Gefühle

Zweig, Stefan, Amok

Erläuterungen zu den AutorInnen

- Autoren wie Bebel, Bulcke, Ebert, Göhre, Gorki, Lassalle, Lissagaray, Marx, Remmele und Scheidemann bzw. Werke über diese wurden unter „Marxisten“ subsumiert und ihre Bücher z.T. am 17. Juni 1933 auf dem Marktplatz mit dem Feuerspruch „gegen Klassenkampf und Materialismus“ verbrannt.

- Autoren/in wie Baum, Brod, Döblin, Hirschfeld, Holitscher, Kracauer, Ludwig, Marcu, Schirokauer, Arnold und Stefan Zweig sowie Wassermann fielen der Zensur unter dem Stichwort „volksfremder Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung“ zum Opfer.

- Zu den pazifistischen bzw. Anti-Kriegs-Autoren/in gehörten Barbusse, Dorgelès und Raynal aus französischer Sicht, Dos Passos aus amerikanischer, Gläser, Remarque, Renn, Schoenaich, Suttner sowie Arnold und Stefan Zweig aus deutscher bzw. österreichischer Sicht.

- J. London (USA) war v.a. in „Die eiserne Ferse“ unerbittlicher Kritiker des Kapitalismus, er propagierte schon 1905 eine sozialistische Alternative gegen die Herrschaft der Oligarchen und Trusts; Sinclair war Mitglied der Sozialistischen Partei Amerikas.

- Auffällig ist die Streichung von Autoren, die in keiner anderen erhaltenen Liste der verbotenen Bücher vorkommen, wie Bulcke, Busch, Busson, Byr, Dill, Dorgelès, Düringsfeld, Hirschfeld, Klinckowström, Raynal, Reck- Malleczewen und Thiers. Gründe, Anlässe oder Vorwände für die Streichungen sind nur zu vermuten:

  • für Roland Dorgelès und Paul Raynal bzw. Georg Hirschfeld sind mögliche Vorwände /Gründe oben angegeben;
  • bei Karl Bulcke könnte es die Tatsache gewesen sein, dass er die Autorengewerkschaft „Schutzverband deutscher Schriftsteller“ mitbegründet hat;
  • „Max und Moritz“ von Wilhelm Busch waren 1929 in Österreich als verdammenswerte Vorbilder mit Verkaufsverbot belegt;
  • Paul Busson könnte wegen seiner Mitarbeit bei der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ ins Schussfeld geraten sein;
  • Liesbet Dill stellte in ihren Romanen selbstbewusste Frauen auf dem Weg zur Emanzipation vor, die Berufstätigkeit anstreben – ein von den Nazis nicht gewünschtes Frauenbild;
  • Ida von Düringsfeld schrieb u.a. eine Hymne an George Sand, eine frühe Sozialkritikerin und Verfechterin der Frauenemanzipation;
  • Friedrich Reck-Malleczewen gehörte zu den konservativen Kritikern der Nazi-Bewegung und verfasste 1937 einen Schlüsselroman gegen die Diktatur, er „starb“ im Januar 1945 im KZ Dachau;
  • Adolphe Thiers war Chronist der französischen Revolution und damit ein Verfechter der universellen Menschenrechte;
  • für N. Böckheler, Robert Byr und Agnes von Klinckowström fehlen jegliche Hinweise, aus welchen Gründen, unter welchem Vorwand oder aus welchen Vorurteilen heraus sie aus dem Bestand der Bücherei gestrichen wurden.


Literatur

Dorothea Brändle, 100 Jahre Stadtbücherei Pforzheim 1893–1993, Pforzheim, 1993